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■^ HARVARD ^ MEDICAL LIBRARY
Francis ACountway Library of Medicine
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pathologische Anatomie nod Physiologie
und für
liiinische Medicin.
Herausgegeben
von
Rudolf Vlrchow.
Vierundsiehenzigster Band.
Siebente Folge: Vierler Band. Mit 18 Tafeln.
Berlin,
Drnck und Verlag; von G. Reimer.
1878.
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Inhalt des vienindsiebenzi^ten Bandes.
I Erstes' Heft (2. September).
• Seite
I I. lieber die Ursachen der angeborneD HufkgeleokferreDkaogeo. Von
t Dr. Paul Grawitz, Assistenten am pathologischen Institut zu Berlin.
I (Bienn Taf. I.) 1
I II. Neue Beobachtungen auf dem Gebiete der Mykosen des Menschen. Von f Dr. James Israel, stelWertr. dirigirendem Ante am jüdischen Kran- [ kenhause zu Berlin. (Hierzu Taf. II ~ V.) 15
I III. Geber die Resorption der Kalksalze. (Aus dem chemischen Laborato- I rinm des pathologischen Institutes zu Berlin.) Von Dr. Leopold
Perl, Docenten an der Unirersität zu Berlin 54
' iV. Die Theorien der excessWen Monstra. Von Dr. A. K aober, a. o. Pro-
I fessor in Leipzig. Zweiter Beitrag. (Schloss von Bd. LXXIII. S. 591.) 66
4 V. Experimentelle Untersuchungen Ober den Einfluss einiger Arsenverbin- { düngen auf den tbierischen Organismus. Von Dr. A. Lesser, Assi-
stenten an dem Institut fflr Staatsarzneikunde zu Berlin. (Fortsetzung \ von S. 621.)
III. Einwirkung der arsenigen Sflure auf die Respiration. (Hierzu
T*f. VI.) 125
' IV. Einwirkung des Arseniks auf den Tractus intestinalis. . . . 133
' V. Einwirkung des Arseniks auf die Erregbarkeit der quergestreiften
Muskeln nnd der willkürlichen Nerten 135
VI. Kleinere Mittheilungen. I 1. Zur Geschichte der motorischen Nervenendigung. (Briefliche
I Hittheilung an den Herausgeber.) Von J. Gohnheim. . . 141
2. Ueber eine Verbesserung des ObjecttrUgers für Elektrisirung mikroskopischer Objecte. Von Prof. Dr. C. Wedl in Wien. . ti2
3. Ueber Orseille als Tinctionsmittel für Gewebe. Von Demselben. 143
IV
Zweites Heft (1. Oclober). i
Seite I VII. Ueber die sogenaoote Myositis ossiflcans progressiva. Von Dr. Carl |
May 8, II. Assistenten am pathologischen Institute zu Heidelberg. 145 1
Vlil. Ueber den angebornen Mangel des Herzbeutels in anatomischer, ent- wicklungsgeschichtlicher und klinischer Beziehung. Von Dr. Carl Faber in Stuttgart 173
IX. Der Einfluss des behinderten Lungengaswechsels beim Menschen auf den Stickstoffgebalt des Harns. Von Dr. med. Hermann Eichhorst, Professor e. o. an der UniversitAt Göttiogeo. Abhandlung 11. . . . VOl
X. (Aus dem pharmakologischen Institute zu Berlin.) (Jeher die Verän- derungen des Natriumsulfantimoniats im tbierischen Organismus und die Einwirkung des Schwefelwasserstoffs auf das lebende Blut. Von Dr. L. Lewin, Assistenten am pharmakologischen Institut zu Berlin. 220
XI. Zum Hechanismus des Gaumensegels und der Tuba Eustacbii bei Nor- malhorenden. (Nach einem am S.April 1878 in der Berliner physio- logischen Gesellschaft gehaltenen Vortrage.) Von Prof. Dr. August Lucae in Berlin 238
XII. üeber die Durch tri Itsstellen der Wanderzellen durch entzündete seröse Haute. Von Prof. Dr. Julius Arnold in Heidelberg. (Hierzu Taf. VII.) 245
XIII. Zur fettigen Degeneration der Leber. Von Dr. OttovonPlaten, Assi- stenten am pathologischen Institute zu Bonn 268
Drittes Heft (1. November).
XIV- Ueber Periarteriitis nodosa oder multiple Aneurysmen der mittleren und kleineren Arterien. Von Dr. P. Meyer, zweitem Assistenten am patbolog.-anatom. Institute zu Strassburg. (Hierzu Taf. VIII — IX.) . 277
\V. Ueber die Architectur des Schfldelgrundes in der Norm und bei Assi- milation des Atlas. Von Dr. C. Th. Schiffner in Dresden. (Hierzu Taf.X— XL) 320
XVI. Ueber entzündliche Störungen des Caplllarkreislaufes bei Warmblütern. Von Prof. Dr. R. Tboma, erstem Assistenten am pathologisch -anato- mischen Institute zu Heidelberg. (Hierzu Taf. XII.) 3ü0
XVI L Ueber eine neue Methode, Toberculose zu erzeugen. Von Dr. Tappeiner
in Meran 393
XVIU. Beitrage zur gerichtlichen Me4iein. Von Prof. Dr. Hermann Fried- berg in Breslau.
I. Leichenbefnod eines Erbangten, 28 Wochen nach dem Tode. . 401 11. Ueber die Entstehungsweise und Bedeutung der bei Erhängten
id Erdrosselten vorkommenden Verletzung der Kopfscblagader. 405
Seite XIX. RldQore Mittheilaogen.
1. Heber T^osio 1s Aaswarf. Von Prof. E. Lejden io Berlio. 414
2« üeber die Bestimmoog der Darcbglogigkeit der Eastaehiscben
Robre mit Hülfe des Qaecktilbemanoneters. Von Dr. Artbor
Hartmann sa Berlio 420
3. Aibaminorie wftbreod der Styrazsinreibuogeo Kratziger. Von
Dr. P. Unna, Assisteoaarzt am Allgemeinen Krankenbaase zu
Hamborg 424
Onickfebler. 428
Viertes Heft (1. December).
U. Aoatomisdie Notizen. (ForUetzong.).No. I— VIII (CXI— GXVIII). Von Dr. Wenzel Grober, Professor der Anatomie in St. Petersburg. (Hierzu Taf. XIIL XV. XVI.)
I. (CXI.) Deber eine für die operative Chirurgie berOcksicbtigungs-
wertbe Anomalie der Arteria lingoalis 429
II. (CXII.) Drsprong der Arteria vertebralis deztra von der Sub- claiia knapp neben der Carotis, mit Kreuzung der Thyreoidea inferior fon vom wthrend ihres Verlaufes. (Hierzu Taf. XIII. Fig. 1.) 433
III. (CXIII.) Zweiwurzlige Arteria fertebralis deztra bei Ursprung der accessoriscben Wurzel Ton einem, ?om Anfange der Sub- claria entstandenen Tmncns thyreo-vertebralis (und mit Vor- kommen einer Arteria tbyreoidea ima). (Neue VarietJIt.) (Hierzu
181« ikiti. rig. iv.i * • • . . 4«}d
IV. (C^V.) Hohe Theilung der Arteria poplitea In die A. tibialis postica und in den Truncus communis für die A. peronea und die A. tibialis antica, mit Endigung der A. tibialis postica als A. plantaris interna und der A. peronea als A. plantaris ex- terna. (Neu.) (Hierzu Taf. XIII. Fig. 3—4.) 438
V. (CXV.) Beide Venae faciales anteriores als Aeste einer abnorm
starken Vena superficialis colli anterior deztra. (Neu.) 444
VI. (CXVI.) Ueber zwei neue FftUe retrotracbealer Retentions-
cysten« (IIL u. IV. Fall eigener Beobachtung.) (Hierzu Taf. XV.) 447 VII. (CXVII.) Ein den oberen Bauch des Omohyoideus (bei Mangel des unteren Bauches des letzteren) reprasentirender Musculus
byofascialis. (Neu.) 454
VIII. (CXVIII.) Ueber den Gesllss - Mittelfleischmuskel (Musculus
gluteo-perinealis). (Hienu Taf. XVI.) 456
XXI. Ueber die pathologischen Veränderungen der automatischen Nerven- gaoglien bei chronischen Herzkrankheiten. Von Dr. Putjatin in St. Petersburg. (Hienu Taf. XVH.) 461
waren, dass durch diese eine Yorurtbeilsfreie Scheidung des fQr die Aetiologie Wichtigen und Unwichtigen beträchtlich erschwert wurde. Namentlich der drittgenannte Factor lässt sich an einer Menge von Beispieles in der einschlägigen Literatur illustriren, mit solcher Evi- denz, dass z. B. (Ur die vielverbreitete von Pravaz aufgestellte Theorie der intrauterinen Gelenkhydropsien kein einziger auf Beobachtung basirender stringenter Fall vorliegt, und dass alle Analogien mit extra- uterinen Spontan- oder traumatischen Luxalionen, die Lehre von den Spasmen und Contracturen, Hypothesen sind, au welchen man nur seine Zuflucht nehmen konnte, da man keine anatomisch definirbare Veränderung auflTand, und sich an der uralten, freilich auch vagen Bezeichnung der „Hemmungsbildungen'' nicht genügen lassen wollte.
Die Besprechung aller einzelnen hierher gehörigen Angaben soll nun nicht an dieser Stelle versucht werden, um so weniger, als eine 1877 erschienene Abhandlung von J. Dollinger(v. Lange n- beck's Archiv, Bd. XX, S. 622) sich bereits in hinreichend aus- giebiger Weise über die Conjecturalpathologie in dem Gapitel der angebornen HQflgelenkverreukung VBrbreitet. Dollinge r selbst h< sich zwar von weitgehenden Schlussfolgerungen nicht ganz frei, welche er aus der Untersuchung eines Falles von beiderseitiger congenitaler Luxation, bei einem 65jlihrigen Manne zieht, allein er trifft bei* seinen Speculationen meiner Meinung nach den Kernpunkt der Sache, und geht nur da über das richtige Ziel hinaus, wo sein Fall wegen der langen Zeit des Bestehens eine exacte Beantworlung der einzelnen Punkte unmöglich macht').
Dollin ger verlegt den anatomischen Sitz der Misabildung in den Y-förmigen Knorpel, welcher den drei in dem Acetabulum zu-
') Um nicht io dieselbe Schwierigkeit za geratheo, sehe ich in dieeer ibband- lang TÖilig ab von der Beschreibaog alter F^IIe voo Luxalio coogeoita, deren die Sammlung des Berliner pathologischen Instituts eine ganze Reibe besitzt, und beschr&nke mich darauf, diese mit den Diagnosen hier namhaft zu machen. Herrn Prof. Virchow sage ich ftir die freandliche Grlaolmisa cor BeonUong derseUMo meioen aafricfatigen Dank.
No. 1594. Loxatio osais femoris sinistri Infeterala. SooUosiSb Ezoatotes sQpracartilaglneae.
No. 1695. Lnzatio congenita utriusqoe femoris. Rachitis? Scoliosis. Atrophla ossis peWis. Exostoses pubis. Pelvts angnsta.
No. 1696. HQftgelenkluxation auf beiden Seiten, rechts in früher Jugend, Hafcs spfiter. Krumraang des rvf hten kurzen Oberarhenkels. Frau von 40 Jahren.
saiDDMBSlOfisendeQ AbgebDitten des Darm-, Scham- und SHzbeioes angehM. Findet in dieser Rnorpelscbeibe eine abnorm frttbe Ossi* fication statt« oder bort die von den drei als Epipbysenlinien wir- kenden Knochenknorpelgrenzen ausgebende Proliferation tu einer Zeit auf, zu welcher der Schenkelkopf sein Wacbsthum noch nicht vollendet bat, so resultirt daraus ein Wacbstbamsstillstand der Pfiinoe; der unbebinderl fortwacbsende Oberschenkelkopf, welcher ni dieser Zeit nar an einem verfaältnissmassig kleinen Kugelsegment von dem fibrocartilaginfiren Pfannenraode umschlossen wird, rückt hinaus und nimmt, soweit es die Dehnung des Lig. teres gestattet, an der Schwelle seirfer leer gewordenen Behausung Platz. „Man weiss, argomentirt DoUinger weiter, dass der Prognatbismus durch frühzeitige Verknöcherung oder verminderten Wachsthumstrieb der Syncbondrosis spheno-occipitalis entsteht, also einer Rnorpelfuge, die an Bedeutung dem Y- förmigen Knorpel gleichkommt, und wir sehen auch bei dieser, der Aetiologie nach mit der angebornen HQftgelenkverrenkung analogen Schädeldifformitttt, dass sie vererbt wird, und zwar mit solcher Hartnäckigkeit, dass man dieselbe als ein wesentliches Symptom mancher RacenschSdel betrachtet.^ „Die Ursache der VerknOcherung oder Wachsthumsbemmung des Y-fOr- migen Knorpels ist ein in der Nähe desselben ablaufender EntzUn- dongsprozess höheren Grades.^
Wie bereits oben bemerkt, entnimmt Dollin ger diese Schlüsse einem Präparate, das einem 65 Jahre alten Manne entstammte, und stützt sieb dabei wesentlich auf die an den sämmtlichen Lenden- wirbeln und an beiden ossificirten Scham-Darmbeinfugen vorgefun- denen supracartilaginären Exostosen, als Zeichen abnormer Knorpel- wQcberungen mit der Tendenz zur Verknöcherung. So wichtig auch diese Befunde sein mögen, so wenig gleichen doch die daraus ent- wickelten Polgerungen einem exacten anatomischen Nachweise, und da einerseits supracartilaginSre Exostosen an den Wirbelbandscheiben geradezu häufig vorkommen, andererseits stalaktitenförmige Exostosen und vorzeitige Ossification des Epipbysenknorpeis in der Umgebung alter — auch traumatischer — Luxationen fast die Regel') ausmachen,* so erscheint mir eine Bestätigung oder Wider-
*) Ein autgezeichoetes Objact diefer Art besitzt die SammloDg des hietigen palhologitcheo lastituU In dem Macerationsprflparat No. 8048. MCozarihrocace deztra pnellae non adnitae. Necroato colli femoris. Snblnzaiio. Pelvia obliqna.
legung der oben referirten Hypothesen an PrSpartten neugebonier Rinder als eine unerlflssliche Bedingung, zumal ich an keiner Stelle bisher eine Erörterung der histologischen Details gefunden habe^ welche der Y-fbrmige Knorpel in Fällen congenitaler Luxation zeigt. Ich lasse hier die sieben von mir untersuchten Fälle folgen, und werde in die Beschreibung auch einige Einzelheiten über die gleichzeitig neben den Luxationen vorhandenen Entwickelungs- Störungen einflechten, welche zur Beurtheilung für den Zeitpunkt der Entstehung von Wichtigkeit sein dürften, wenngleich ihre Deu- tung für jetzt noch unterbleiben muss.
Fall I. Mannlicliei KiDd mit Bauchspalf, Ectopie der Leber ood dea Darma, Klampfuaaen ttod Klamph&Ddeo — beideraeltiger Hüftgeleo k verrenk DO g.
Das mir voo aaswärts ohne Notizeo zugeschickte Kind') ist nach einer approxi- mativen Beurtheilung seiner Grosse im 8. Schwaogerschaftsmonate geboren worden. Es bSngt durch eine circa 15 Cm. lange Nabelschnur mit der Piaceota zusammen. Die Banehdecken sind Tom Processus xiphoides bis 2 Cm. über der Symphysis pnbis gespalten, ans ihnen ist die Leber, der Magen, Darm und Pancreaa prolabirt, welche ia einem dfinn wandigen aber ziemlich derben Sacke nach rechte hin vorliegen. Längs der Spalte sieht man das Amnion in die Süssere Baochhaut contiouirlich übergehen. Nach Durchtrennung des inneren, geschlossenen Sackes zeigt sich auch das Zwerchfell bis zur Durchgangsöffnung der Vena cava gespalten, die Seiten thelle sind in normaler Ausbildung vorhanden. Die normale Form der Leber ist im Allgemeinen innegehalten, nur sind beide Lappen auffallend dick, die scharfen Ben- der stampf, das ganze Organ mehr von kngliger Gestalt. Gallengange gefuIlL Die Milz liegt weit nach vorn lose an einige Dunndarmschlingen geheftet. Der Darm hingt an einem sehr langen Mesenterium, enthält viel Meconium und ist sonst wohlgebildet. Die Nieren werden von den noch sehr grossen Nebennieren fast zur HSlfte verdeckt, sie sind an ihrer normalen Stelle, die rechte nur etwas nach aussen und vom gedrangt, beide haben doppelte Becken und durchgangige Üreteren, welche In die übrigens geschlossene Blase einmunden. Beide Hoden liegen in der Bauch- höhle, ein Leistenkanal ist noch nicht gebildet. Die Rückenwirbelsiule ist stark nach rechts und zugleich lordotisch in den Bauchraum vorw&rts gebogen, der Leu- dentheil dem entsprechend nach links und das Kreuz- und Sieissbein sind derart stark nach dieser Richtung verschoben, dass die Steissbeinspitze dem absteigenden Sitzbeinaste eng anliegt und das Lig. spinoso-sacrum sin. als ganz kurzer dicker fibroser Strang gegen das lange fadenförmige Band der rechten Seite erscheint. Die LInge des Kindes betrSgt, wenn man die Scoliose nicht in Rechnung zieht, von der Scheitel hohe zum Hüftgelenk 21 Cm., der rechte Oberschenkel 6,8 Cm., der rechte Unterschenkel 6,5 Cm. Fosshöbe 0,8 , der Unke Oberschenkel 7,3 (der rechte, kGrzere in Fig. 2 auf dem Durchschnitte gezeichnete, zeigt eine starke
*) Präparat No. 29. 1878 der Sammlung des pathologischen Institut«.
Drehaaf tetncr Langsaie nod eine leichte Koickoog im obereo Dritttbell). Die Dotencheokel ood FaismaaMe sind beiderseiU gleich, Länge der Fusse 3,3 Cm. Beide Obecscbeokel sind ad roaximoni auswärts rolirt, der rechte unter den linken antergesdilagen, selbst dann, wenn man das Kind in die Hohe hebt und die Schenkel frei berabhäogen lasst. Fast alle Bewegungen, namentlich Flexion und Addnction «od sehr behindert. Die Kniegelenke sind ganz frei beweglich. Der linke Fuss bsst sich ans seiner Varo-equinnsstellong fast zur Norm roponiren, was rechts nor sehr UBfollkommeo möglich ist. Eingeschrainkt sind auch die Bewegungen In den Scboltergeienken. Die Catitas glenoides ist so klein, dass sie an Grösse derjenigen fliMt Snonallicben Fötus entsprichL Das Acromion ist ferhältnissmasslg gross, iiberragl mehr aussen als oben den Humeroskopf, welcher mehr an der Innenfläche it» Acromion als an der Gelenkflache der Cavitas articulirt. Der Kopf steht in Soblozatioo nach aussen. Er ist kleiner, seine Halsrinne ist nor angedeutet, ilie Tobcrcula sind normal gross. Die Klumphinde sind nur soviel zu abdociren, dass Bun sie fon ihrer spitzwinkligen Stellung In eine rechtwinklige bringen kann.
Das freipriparirte Becken ist in Fig. 1 in der Ansicht von links und hinten ia natöijicher Grösse gezeichnet, woraus die Dimensionen besser ersichtlich werden, lis dmrcfa genaue Angabe der tfaasse, da hinsichtlich der letzteren die Schiefstellung des Rreoz- und Steissbetns ohnedies ein sehr ungendgendes Messungsresoltat er- geben würde; es sei demnach nur bemerkt, dass das linke Höftbein höher steht, »U das rechte, und dass das Becken in seinem Eingange eine deutliche Verkürzung des rechten schrügen Durchmessers erkennen läset. Beide Acetabula sind fast ganz gleichmässig verkömmert, die Schenkelköpfe beide nach oben, rechts mehr nach Tom, Koke mehr nach hinten auf das Darmbein lazirt. Die runden Bänder sind in platte verwandelt, das rechte misst 8 Mm., das linke 12 Mm., sie inseriren am Schenkelkopf und flsiren diesen von der Tiefe des alten Acetabulums aus, nahe leiner laeianr. Derjenige Abschnitt der alten Pfanne, welcher die hintere dem Darmbein zu gelegene Wölbung gebildet hatte, ist eingedruckt, und durch eine vor- fpringende Leiste gegen eine neogebildete dem Darmbein angehörende Knorpelfläche (Flg. 1 o. Acetb.) abgegrenzt Am Rande dieser Fläche ist die insertion der fibrösen Kapsel, welche auf der Abbildung aufgeschnitten ist, vorher aber den Kopf und den Raam der orspröoglichen und secundär vergrösserten Pfanne eng nmschloss. Die iooenfläehe des Gelenks ist von einer glatten schlüpfrig feuchten Synovialmem- brao aasgekleidet, im Grunde der alten Pfanne, also in dem Spalt, aus welchem das Lig. teres aufsteigt, liegt ziemlich reichliches junges Fettgewebe, sonst ist die Geleokhöhle absolut leer. Die Scheokelkopfe sind nicht so gleichgestaltet, als die Pfannen. Der rechte (Fig. 2) ist ein dicker runder, ohne deutliche Abschnurung im Halstheil in der Pfanne sitzender Knopf; das dem Trochanler angehörende Rnorpelstäck ist etwa normal gross, die Epiphyseolinle regelmässig und schmal im Bogen verlaufend. Der Schaft ist dann derart gedreht, dass die Schnittebene, welche obere und untere Epiphjsen in ihrem grössten Frontalscbnitt trifft, einen Wiakel von etwa 33^ beschreibt. Der linke Kopf hat mit der Spitze eines Zucker- botes eine gewisse Aehnlicbkeit, das platte Ligament inserirt in einiger Entfernung KKi der Spitze, gegen den Trocbanter zu veijQngt er sich zu einer Halsrinne, an der die Kapsei sich anseUt. Der Schaft verläuft ganz normal. Eine Abnormität
der MafkdaoMUe habe leb weder an dieMm oocb ao den aodrreo Prapara|cti aofgofaodeii.
Zur mikroekopMcheo UoterracbBOg «arde mm der Y-foraige Kaorpel beider- •eile ood das recfaCe Femur ferweodeL Dm die Priparale in ihrer Form für die Sammlong in erbalteo schien. et am zweckmässigsten In einer Ebene, «eiche auf ng. 3 links pnnctiit angegeben bt, mit einem Doppelmesser einen Schnitt bis auf das Fettgewebe im Pfannengrande zu legen. Dnreh denselben wird seitlich noch genQgend Knorpel und Kapsdgewebe geschont, nm die Stacke za halten, anderer- seits lassen sich die Beckenlragaiente soweit vorschieben, dass man von diaaeio Schnitt ans senkrecht auf die drei Epiphysenlinien mit dem DoppelaMsser achoeldca nnd kleine Schelbchen entnehmen kann, deren Verlost gar keine Entstellung der Beckenformen herbeifuhrt. Dabei Bndet sich vascolarbtrter hyaliner Knorpel nüt normalen, meist laagaosgeiogenen Zeilen, welche 1, 2 oder auch 3 Kerae fShreo. Bei Vergleichsobjecten mit eben so grossen normalen Becken fiült ein frappanter Unterschied an der Knochenknorpelgrenze in die Angen. Die hier normal vorhas- dene Wncherangszone ist aol allen 3 Epiphysengrenzen sehr viel dürftiger gebildet, d. h. die bellen liegen in grösseren Zwischenrinmeo von einander, nnd i^ie rei- henformig über einander gestellten Zellenlagen in der nächsten Nachbarschaft der Ossificatiooslinie sind kaum ela Drittel ao hoch als am normalen Becken. Hier ond da sind die Reihen so ondentlich, daas sie mehr als anregelmisslg grappenweise gelagerte denn als wiiklich rsihenfonalg gestellte Zellen zn bezeichnen sind.
Daa normalerweise ganz dünne Lsger embryonalen Fettgewebes bildet im Gründe der alten Pfanne ein starkes, 2 — 3 Mm. dickes Polster, das sich zwischen die knorpligen Abschnitte des Scham- und Sitzbeinastes bis som oberen Umfang des Foramen obtoratoriom bineinerstreckf. Die Ossificatioosgrenzen der 3 Knochen liegen weiter von der Mitte des alten Acetabnloms entferat, als beim gleich grossen gesunden Becken.
Die oberen Epiphysen der Oberschenkel sind ohne Abwelchnng, die Wncbe- rnngsschicht der Knorpelzellen Ist am ein Geringes niedriger, die Dliformitlt der Köpfe beschränkt sich anf deren vorderen knorpligen Theil, nnd scheint erst so- condir durch Usor hervorgebracht zn sein.
Als Resum^ des Falles ergiebt sich, dass das ganze Skelett nur dQrftig gebaut ist. Das Becken ist durch die Lordoscoliose schief gestellt, graciler und im Ganzen kleiner, als nach der Länge der Unterextremitäten erwartet werden sollte. Die alte Pfanne ent- spricht in ihrer Grösse ziemlich genau derjenigen eines Fötus vom etwa 5. Monate, dessen Femora sich zu dem vorliegenden wie 5:7,3 verhalten. Der Y- förmige Knorpel ist entschieden grösser als normal und zwar auf Rosten der Knochenkerne der 3 an- stossenden Sitz-, Scham- und Hüftbeinäste, welche in ihrer Ossi- fication zurückgeblieben sind. Den anatomischen Beweis hierfür liefern die abnorm niedrigen Wucherungsschichten an der Knochen-
kaorpelgrenze. Die Femurköpfe sind zwar kleiner als normal, ifflmer aber unTerbttlinissmässig viel grösser als der für sie be- stimmte Pfannenraum. Die Trochanteren und Epiphysengrenzen sind normal. Ebenso verhalten sich beide Scbultergelenke, deren Pfannen einer weit früheren Entwickelungszeit entsprechen, deren üumenisköpfe dagegen von nachträglichen Deformationen abgesehen in ilirem Wacbstbum ungehindert fortgeschritten sind, und den ganzen vom Acromion begrenzten eigentlich exträarticulSren Raum mit zur Gelenkbildung einbezogen haben. Die mehr oder weniger completen Luxationen beruhen demnach auf einer Bildungshemmung, einem verminderten Fortschreiten der Ossiücation an den Pfannen- kiiorpelo, bei relativ normalem Wachsthum der Gelenkköpfe.
Den zweltao Fall hat mir Herr Dr. Carl Buge ^ar Uotersuchung ilbeHassen, dem ich hier meineo verbiodlichsten Daok dafür ausspreche. Er betrifli das in Flg. 3 abgebildete Prflparat, welches eiue Spina bifida, leichte Lordose des Leodentbeils, beiderseitige Luxatio coxae und Fractura femoris dextri (inter partum entstanden) zeigt. Er entstammt einem ausgetragenen oännUcben Kinde, welches in der hiesigen Entbindungsanstalt geboren wurde. Die perverse Haltung der Oberschenkel in Rotation nach aussen bei Unmöglichkeit einer follkommenen Streckung gab bei der Entbindung Veranlassung zu einem Bruch des rechten Femnr, wie die in die Zeichnung mit aufgenommene Callusbildung illustrirt. Trotz der regelmässig verlaufenden Knochenheilung starb das Kind nach 21 Tagen, in Folge der Spina bifida.
Diese letztere erstreckt sich nun, wie eine Untersuchung des Präparates lehrt, auf die 4 unteren Lendenwirbel, welche statt ihrer leichten Auswflrtskrummung steil ood gradlinig stehen. Am unteren Rande des I., II. und III. Lendenwirbels sitzen kleine rundliche Ecchondrosen. Ein kaum stecknadelkopfgrosses von der Verknöcherungslinie abgesprengtes Knorpelstuckchen dicht an der Synchondrosls sacro-lliaca im Darmbein. Die Form und Grosse des Beckens ist gegen das erst- bcschriebene relativ normal, sämmtliche Knochen sind indess graciler und das Fo- nmeo obtoratorium weiter als an einem normalen von gleichem Abstand der Spinae Ton einander ond vom Os coccygis. Die Entfernung der Spinae ant. sup. betrügt 65 Mm., der grade Durchmesser 36,5 Mm., der rechte und linke schräge 33 Mm., der Querdorchmesser im Eingang 29 Mm., der Abstand von der Steissbeinspitze zur Symphyse 1 9,5 Mm., der Tubera von einander 26 Mm.
Betrachtet man den Beckeneingang von oben, so zeigt er eine Andeutung von Quervercngnng , eine Biscuitform, deren hinterer grösserer Bogen dem Kreuz- und Darmbein angehört, deren kleinerer von den Horizontalästen des Schambeins ge- bildet wird, wftbrend beiderseits die knorplige Zwischenschicht ^ an welcher aussen das AcetabnIum ansitzt, der Einschnurungsstelle entspricht. Die Sitzbeinhöcker weichen in ziemlich bemerkbarem Grade nach aussen. Beide Acetabula sind in follif symmetrischer Weise deformirt. Die alte Gelenkhöhle ist zu einer sobrig
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.TOD aasseo und oben Dach inaen und anten verlaofeodeD iäogsovaIeD flachen Grabe veraogea. Das Lig. teres inaerirt ao der mediaDea Kaote deraelbeo, es bat die Form eines platten Stranges; seine Länge ist nicht mehr bestimmbar. Die dem Darmbein angehörige eigentliche Hinterfläche der Pfanne ist sehr klein, sie gebt nicht, wie beim gesunden Becken in gleichmässiger Wölbung in den faserknorpligeo Llmbns über, sondern setzt sich mit scharfer Kante gegen eine zweite Knorpel- ebene ab, welche ebenfalls dem Darmbein zngehört, und in einem Winkel von circa 1^* nach hinten, d. h. dem Kreuzbein zu umbiegt. Erst an diese, naomehr fQr den Geleokraum dazu gewonnene Rnorpelebene setzt sich die Gedenkkapae! an* und umglebt sehr straff den luxirten Kopf des Oberschenkels. Ein Exsudat oder Adhäsionen sind nicht vorhanden. Der Y-formige Knorpel ist mindestens normal gross soweit sich von aussen beurtheilen lässt; schneidet man ihn in der angege- benen Linie durch, dislocirt die Fragmente und schneidet senkrecht auf den Rno- chenkern des Sitz- und Sehambeinastes zugleich ein, so dass der Schnitt an der Incisurstelle auf das Foramen obl. durchdringt, so zeigt er sich erheblich vergrosaert.
Flg. 4 glebt diesen Durchschnitt an dem in Rede stehenden und einem gleich grossen normalen Becken. Bei dem ersten erstreckt sich vom Beckengruode bis zum Foramen obl. hindurch ein Keil embryonalen Fettgewebes in ziemlicher Stärke, welcher hier eine Vereinigung der beiden Knorpelstucke des Sitz- und Schambeins verhindert. An dem zweiten hört diese übrigens minimal dünne Schicht schon 5 Mm. höher auf. Der Knochenkern des Os pubis ist weit dunner, derjenige des Sitzbeinastes ist etwa halb so stark als beim normalen und hört noch unterhalb der prasumptiven Mitte des alten Acetabulums auf, während der gesunde die Mitte weit überragend an der Bildung der hinteren Pfannenwand Anthell nimmt Legt man einen ferneren Schnitt zur Feststellung der Grösse des Darmbeinknochens von der Mitte des Acetabulums auf einen Punkt zu, der 2 Cm. von der Spina ant. sop. in der Crista liegt, so sieht man auch hier den Knochenkern auffallend schmal, seine hintere Grenze, welche zur Bildung der oberen hinteren Pfannenwand breit vorgeschoben sein sollte, verläuft fast In der directen Verlängerung der Darmbein- aussenflache bis zum Beginn der Pfannenböhlung, wo er endigt. Beide Durch- schnitte stimmen vollkommen mit solchen uberein, welche au weit jüngeren, etwa dem 8. Schwangerschaftsmonate angehörenden Becken, normalerweise gefunden werden.
Mikroskopische Objecte ergeben sehr beträchtliche Differenzen ao den Epi- physenlinien gegen Intacte Präparate. Die Proliferationszonen sind kleiner, zellenarmer und die Höhe der gerichteten Knorpelzellenreihen nur ein Drittel oder gar ein Viertel des Normalen. Die Oberschenkelköpfe sind zwar kleiner als am Parallelpraparat , immer aber noch viel zu gross für den flachen eigeotlichen Pfannenraum. Der Halstheil ist nur andeutungsweise vorhanden, der Trocbanter kleiner, die Epiphyse regelmässig. Auch hier begeht eine Reductioo der Proliferationszone auf etwa die Hälfte der zu erwartenden Stärke.
Res um 6: Das ganze Becken ist nicht so starkknochig, aber doch so gross als gleichaltrige in der Regel sind. Zurückge- blieben sind beide Pfannenknorpel und zwar auf einer Entwicke*
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(QDgsstuCe, welche jedes Becken zu durchlaufen bat, nur in einer uro Monate zurOckh'egenden Fötalperiode. Der anatomische Aus- druck der trSgen Ossification ist in den ganz abnorm niedrigen Zelleareihen der Knorpelwucheruogsschicbt gegeben. Auch die Ver- koöcheruDg am Oberschenkel ist verzögert, das Knorpelwachstbnra zD gering, dennoch aber gross genug um ein MissverhXItniss zwischen
Kopf und Pfannenraum auszumachen.
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D«r lil. Fall ist eine circa gmonatlicbe Frucht mit Ectopia dar Baackeia- geweide, Blasanapalt, Diaatase der Symphysis pabis, Spina bifida« beiderseitiger Hüftgelenkterrenkung, doppelseitige Klampfdase^
Der Baaehapalt beginnt dicht unter dem Processus xipboides und reicht bla lar Scbamfogg hinab; in dem Sack des Bauchfells liegen Leber, Magen, Darm, PancrcM, Milz, Nieren und Ureteren. Die Blase ist gespalten, sie erweitert sich im Fuodos zu einem grossen runzligen Sack; die Einmundungsstellen beider Dre- tereo sind aufzufinden aber für eine selbst ganz feine Sonde nicht durcbgäagig; die Mändnog des linken Ureters ist mit warzigen Wucherungen umgeben, die ent- sprechende Niere hydronephrotisch. Beide haben ein doppeltes Becken. Im Hais- tbeil ferjungt sich die Blase zu einem engen trichterfonnigen Kanal, welcher nach 1 Gm. kmgem Verlauf mit einer einfachen scharf begrenzten rundlichen Oeffnung so der Haotoberflache mundet. Dieser kurze Gang stellt die Urethra dar; äussere Genitalien fehlen, ebenso ist keine Andeutung von Sexualdrusen wahrzunebmeo. Das Rcctam endet hinter der Blase und getrennt von ihr. — Die Wirbelsäule Ist jm Leodeoabscbnitt rechts scoliotisch und lordotisch verkrümmt, vom 5. Lenden- virbel ab gespalten; die Beckenschaufein stehen weit klaffend auseinander; zwischen «lea beiden Schambeinaaten liegt eine 20 Mm. lange Bandmasse, an der Stelle, welche der regelrechten Symphyse entspricht, steht die Steiasbelnspitze. Im Ein- zelnen abid die verschiedenen Beckenknochen symmetrisch gebildet, in ihrer Grosse zo einander passend. Die Acetabula liegen an normaler Stelle, sie sind sehr eng, die hintere Wölbung fehlt, statt in ihr ruht der Femurkopf auf einer flachen Knor- pelplatte oberhalb und hinter der eigentlichen Pfanne, in welche er sich indessen reponirco iSast Die Gelenkkapsel umschliesst den Kopf genau und straff. Beide Ligg. teretia 6 Mm. lang, flach, inseriren, vom medianen Beokeneinschnitt entsprin^ gend, elwaa seitlich an den Schenkelkopfen. Diese letzteren sind etwas langaua- gezoflen, wie der in Fig. 1 abgebildete Kopf gestaltet, der rechte kürzer und starker deformirt als der linke. Der Uebergang vom Kopf zum Hals ist verstrichen, die TrocbanCereo verbaltnissmissig gross, die obere Epiphyse mit der uateren verglichen etwa normal gross, die Lange von dem höchsten Punkte des Kopfes zur tiefsten Stelle des Condylus int. rechts 70 Mm., links 71 Mm. Die Beine liegen längs des Rockens nach oben geschlagen; beide Fasse stehen in Varo - eqoinus - Haltung. Schulter* und Handgelenke normal. Der mikroskopische Befund ist etwas prügnan- ter noch als in den ersten beiden Fallen, wenngleich er noch zurücksteht gegen den der beiden folgenden Prilpanite. Hier ward abweichend von der oben einge- schlagenen Scbnittrichtung ein Längsschnitt mitten durch den horizontalen Scham-
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beiaast bis im Kaocbeokoorpelgr«Dze des Danobeios gelagt. Beide getroffeoeo Epipbyseogreozen sind makroskopiscb betrachtet glatt ferlaaCeode Lioiea, die Kao- cheokerae io ihrer Grosse der Kieiobeit des ganzen Beckens entsprechend. Unter dem Mikroskop sieht man die Knorpelzellen an beiden Ossificatlonslinien zahlreicher ond etwas grosser als in der Mitte und bie ond da za Gruppen angebaoft bei ein- aoöer liegao. Ao einceloen Stellen fehlt über der Verkalkangszofte jedwvde beaoo- dare ZeUeoanordnong, eine Aabtellnng der ProliferatioDasellen i» mrklicbe Beibeo hat an keiner Stelle dieser Objecte statt. Ein ganz gleiches Bild geben Schnitte, welche senkrecht aaf den Sitzbeinantheil der Pfanne gelegt werden.
Bei dieser Gelegenheit worden einige fernere Objecte angesehen, welche von der Rnochenknorpelgrense des R. desc. Ischii zum Tober hergestellt waren; sie waren ebenfalls kGmmerlich zn nennen gegen normale Objecte, allein hier war doch an allen Stellen eine wenngleich sehr niedrige so doch onverkennbar regel- maasigere Aofstellong der tiefsten proliferirenden Knorpelzellen in die bekannte Beiheofom nachzoweiseD. Noch weit niher kamen der Norm die Schnitte von der oberen Feraorepiphyse, welche durchweg Reihenbildong and ziemlich hohe H der Parallelobjecte) Zone der stärkeren ZellenTermehruog zeigten.
DasResum^ gleicht so den beideD folgeoden FSIleo, dass es mit diesen ziisammengefasst werden soll.
Fall IV. Präparat des anatomischen Masearas No. 813'). «Neunmonat* lieber weiblicher Fotos mit verdrehtem Ruckgrat ond sehr grossem Nabelbmch** (staflHOt ans dem Anfang dieses Jahrhunderte).
Auch dieser Fall erweist sich bei genauerer Besichtigung als Baaebspalt, Ectopia der Baucheingeweide, Blasenspalt, Diastaae der Sjmpbysia pabia. Spina bifida. Doppelseitige Hfiftgeleokferrenkuag. Die Beine stehen beide In starker AnawSrtsrollung und Adduction, aber doch nicht In ao perterser Hahong als bei No. HI. Die Darmbeinschanfeln sind in normaler Verbindung mit den Sitz- uod Schambeinen nnd deswegen mit diesen zusammen soweit oach aus- wärts gebogen, als es das 2 Cm. lange Band, welches sich an Stelle der Sym- physe befindet, zulässt. Die Spina bifida ist von einem geschlossenen Haotsack bedeckt, sie erstreckt sich auf die Kreuzbein- und den letzten Lendenwirbel. Hoher aufwarte Ist die Wirbelsäule lordotiscb und rechts scollotisch gebogen. Schalter-, Hand- und Füssgelenke sind normal. Die Pfannen des Beckens aind beide viel zu klein fdr die Femurkopfe. Auch hier ist es der obere hintere Rand, welcher umgelegt ist, die weite Kapsel schliesst sich dann an und stellt den neuen Gelenkrsnm oberhalb und hinter dem tiefen, mit Fettgewebe erfüllten defonnirten Raum des eigentlichen Acetaboloms her. Die Bänder sind gedehnt wie hn ersten Flille, die Oberscbenkelkopfe ohne jegliche, auch nur oberflächliche DiffoiiDitat ; Htia, IVocbanter ond Epiphyaen wohlgebildet.
Von dem io Fig. 3 punctirten Hauptschnitt wurde hier wiederam aaf das Fonmen obt. durch beide Roochenkerae, den des Scham- und den des Sttibeins,
1) Meinem verehrten Lehrer, Herrn Geheimrath Reichert, meinaB wännaten Dank für die Qbaraus liberale Erlaobniss, seine Sammlung auf diese Miss- bildungeo hin durchsehen und benutzen zu dürfen.
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geichoitleD, wobei ttch iMraMaCeliCe, dan das embryonal« Fetlgfwobe io ooriMltD Grauflo awiaehoD die Knorpel bineinragte and makroakopiscb nberbaupt nichts Pithologiacbee zu entdecken war. Dagegen waren die mikroskopischen Objecte roD einem Aussehen , dem ich sonst nie an Knorpelprttparaten begegnet bin. Die mittleren Abschnitte des Knorpels enthielten kleine spindelige Zellen tn gewohn- lieber Menge. An den Knochengrenzen waren dieselben zwar denllicb vermehrt, steileoweise zn Gruppen bei einander liegend, aber es fehlte derart jede An« ieotong einer Reihenstellang, dass die Objecte wie normale Epl- pbjsenpraparate aussahen, bei welchen das ganze Stock der starken Proliferatton ausgeschnitten und die Verknocherongsschicht auf- wärts an die Stelle gerSckt wSre, an der eben die Knorpelwpcbe^ rong ihren Anfang nimmt. Die Zone der provisorischen Rslkablageroog In der byallnen Zwlschensobstanz fehlte Oberhaupt. Bei starker VergrÖsserung gelang ea lelVst an den dünnsten Stellen nicht, scharfe Contooren der einzelnen Knorpel- körperchen, deutliche Kerne oder Kernkorperchen zn sehen. Der einzige Inhalt der Zellenhohlen waren kleinste. Fett tropfchen, die Contooren verschwommen, das ZwiKbeogewebe reichlich, hyalin. Ich war anfangs geneigt, die Ver&ndervngen aof die lange Einwirkung des Alkohols zu bezieben , indessen bewiesen Schnitte WD den FemurkSpfen, welche in der Pfanne doch denselben Einflössen ausgesetzt waren, dass in Ihnen nicht nur lange wohlgebildete, durchaus von normalen Prl- parateo nicht abweichende ProUferationszellenreiben vorhanden waren, welche bei starken Vergrosserungen an Schärfe der Gontouren und Deutlichkeit der Kerne nichts zu wünschen Hessen, es war auch von Fetttr5pfchen hier nicht die Rede. Fall V. Präparat No. 6010. „Reifer Fötus mit grossem Nabelbrach und besonders verkflmmerter rechter unterer Eitremitit^S ist ein Dupllcat des vorigen mit Baoch-Blasen-Symphysen und Lendenwirbelspalt, Klumpffissen ood doppelter Hüftgelenkverrenkung. Die makroskopische wie mikroa- bpische Uebereinstimmong ist fast eine totale, nur dass zu den vielen Complica- liooeo hier noch die KInmpfSaae dazukommen. Die ünterachtede swiacben den Kaocbcnknorpelgranzett des T-förmigen Knorpels einerseits und den normalen Epl- pbjsenlinien der Scbenkelköpfe sind enorm. Am Becken niedrige, zelienarme, wirr durcheinander, nirgends aufgereihte Proliferationszone, die Zellen undeutlich abge- grenzt, mit feinaten Fetttropfchen, das ganze Präparat bestaubt; am Oberschenkel laoge stolze Reihen mehrkerniger Wucberungszellen.
Res um 6: Bei Fall III ist eine Verzögerung der Ossification Dicht nur in beiden Pfannenknorpeln, sondern aueh in der Pemur- epipbyse eingetreten, bei Fall IV und V ist die le^tere normal, bei allen dreien sind die Gelenkköpfe relativ ungehindert fortgewactasen, Qod haben den zu engen Beckenraum verlassen. Der Y^föroiige Knorpel ist zwar nieht von einer Scbicbt fötalen Fettgewebes, wie Mn getrennt, liegt aber als fast untbKtiges, im Fall IV und V in aogenseheittlicher Degeneration begriffenes steriles Gewebe da.
Es erObrigt nun nocb der Nachweis, dass wirklich die be-
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scfariebeneii Veräfld«riingeo au der Kiiorpelsebeibe das für die Ent- stehung der Luxation primär bedingende Moment seien, dass sie nicht etwa erst später entstanden sind, nachdem die Köpfe sei es durch die stariie Verschiebung der Beckenschaufeln (wie Voss an- niaimt) sei es durch die Torsionen der Wirbelsäule in eine ihrer Ver- renkung Vorschub leistende abnorme Lagerung gekommen sind.
Diesen Nachweis hoffe Ich an den drei nächsten Präparaten zu führen.
Fall VI. Präparat No. 11667. „Heroia congenita hominis**, zeigt Bauch - und Blasenspalt, DIastase der Symphyse, Vorfall der Banchcinge- weide, Scoliose, rechtsseitige Huftgelenkverrenknog. Beide Unter- eiUr^mitSten stehen in sehr abnormer Stellang, die DarmbeiDschaofeln sind weit nach aussen gedreht. Links gewahrt man an der normalen Stelle eine kleine flache Pfanne, in weicher mit kurzem straffem Lig. teres ein für ihre Grösse passender kleiner, ganz wohlgeformter Scbenkelkopf steckt. Der linke Oberschenkel ist sehr verkümmert, bei Weitem kurzer und dunner als der rechte, mit dem in lollkommener Flexion stehenden Unterschenkel verwachsen zu einem Stumpf, ao wekham unten in Varo equinus Stellung ein kleiner und mit 2 Zehen versehener FoBs ansitzt. Rechts ist das eigentliche Acetabulum nicht grosser als links, der Obenchenkelkopf jedoch mehr als doppelt so gross denn der linke; das Lig. teres auf 9 Mm. elongirt, der Kopf über den hinteren Pfannenrand geglitten in com- pteter Luxation. Trotz der perversen Stellung der Wirbelsaule und des Beckens, trotz der beiderseitigen Aplasie der Pfannen, ist auf der linken Seite dennoch keine Verrenkung eingetreten, da der Kopf ebenfalls im Wacbsthum zuruckgebliebeo ist; rechts dagegen, wo der Kopf unbehindert fortgewachsen ist, hat er, wie in den vorigen Fällen, den Pfannenraum verlassen und deformirt.
Beinahe umgekehrt liegen die Verhältnisse bei einem Falle, welcher ohne nähere Bezeichnung unter den alten Präparaten des pathologischen Instituts sich fand; bei annähernd gleich grossen Köpfen ist nur einerseits die Pfanne zurückgeblieben, und hierselbst Luxation eingetreten:
Fall VIL Bauch- und Blasenspalt, Vorfall der Eingevretde, CJoakenbildung, Spina bifida, Scoliose, links Klumpfuss, rechts HQftgelenkverrenkung ').
In Flg. 5 ist das präparirte Becken In der Ansicht von hinten dargestellt. Die weit abstehenden Darmbelnschaofeln liegen nicht nur in der Ebene der hin- teren Kreuzbeinwand, sie sind obenein noch statt naeb innen nach aoswttrts ge- krffmmt. Beide Oberschenkel lagen höchst abnorm, der rechte in Auswärtarotatioo, der Unke a^ den Bücken aufwärts gelehnt bei flectirtem Unterschenkel. Der Fass des luxirten rechten Beines ist normal, jener des normalen linken in Klumpfuss-
*) Priparat der Sammlung des pathologischen Instituts No. US. 1675.
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äeOaii«. TroH der Backen- and Wlrkeheracbleboog zeigt 4ae linke Höftgelenk kän« Abnormität Die Pfanne, des rechten ist etvk zasanimengedfuckt, das Lig» leres kommt ans der Tiefe eines qaeren Spalts hervor, der Kopf ist nach oben Terreokt. Nach Gestalt und Grosse schliesst er sich dem Fall 1 an. Mikro. skopisch ist der Befund an der loxirten rechten Seite in sofern von allen bisherigen lenchiedeo, als die Verinderungen am Darmbein nngemein schwach, dagegen an deo beiden anderen Epiphysen in der Starke vorbanden aiod, wie bei Fall 111 at»- fikrlicber beacbrieben worden. Die Objecto von der linken normalen Seite gel^ iorebaas hienon verschiedene, absolut normale Bilder.
Als Illustration, wie nur das relative Grössenverhältoisg von Pfanne zum Kopf für die Luxation bestimmend ist, ganz unabhängig Ton der absoluten Grösse oder Kleinheit eines der beiden Gelenk- iheile sei hier als Fall VIII noch kurz das MaceratioDspräparat No. 1633 des anat« Museums beschrieben:
„Skelett eines ansgetragenen Kindes mit Spaltung der Lendenwirbel und des Ireozbeins nebst Klumpfusseo.*' Im Lendeokreuzbeintbeil der Wirbelsäule besteht recbtiseitige Scoliose; vom ersten Lendenwirbel abwSrts breit klaffende, nach links offene Spina bifida. An der rechts vom Spalt gelegenen WirbelbSlfte sitzen beide Danabeinschaufelo. Die linke viel liefer, in allen Theilen proportional gestaltet, kforn halb so gross als die rechte Beckenbflifte. In dem kleinen Acetabolum ar- tieolirt der Kopf eines ungleich kQrxeren und dünneren Oberschenkels; der Dnter- sebenkel ist ebenfalls ganz kümmerlich ausgebildet, daran sitzt ein Klumpfnss. keine Lozation trotz der absoluten Kleinheit Die rechte Beckenhilfte st, wie gesagt, doppelt so gross, proportional, nur scheint der horizontale Scham- bÖQast etwas zu klein; die Symphyse Ist zu einem 12 Mm. langem Strange aos- sezogen. In dem grossen Acetabulom sitzt regelrecht ein grosser Schenkel köpf. Der Fbss befindet sich in starker Varusstellung.
Ich hoffe die hier beigebrachte Gasuistik wird den Beweis ge« liefert haben, dass in sMmmtlichen Fallen die Ursache der Luxation auf einer Bildungshemmung in dem Y- förmigen Knorpel beruht, während der dazu gehörige Schenkelkopf in seinem Wachsthum ent* weder garnicht oder doch nur unbedeutend behindert worden ist.
Da, wo die Bildungshemmung den Pfannenknorpel und den Schenkelkopf gleicbmMssig trifft, bleiben beide im Wachsthum zorttck ohne dass Luxation eintritt.
lo keinem einzigen der Fälle ist die angeborne Verrenkung auf eine Synostose des Y-förmigen Knorpels zurUckzufQbreh.
Sporen einer fötalen Gelenkentzündung hat keins der 12 luxirten Gelenke dargeboten.
Die anderweitigen compliciFMiden Bildungsfehler sind zum Theil bekanntermaassen gleichfalls Hemmungen im normalen Wachs-
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ttinm, Bancbspalt, BlosenspaU, Spina bifida, zum Theil sind sie höchst wahrscheinlich in dieselbe Gruppe za zSblen, Lnxalion der Scbultergelenke, RlumpfQsse und Rlumphfinde'), so dass vor der Hand keine Berechtigung vorliegt, eine aus der anderen abzu- leiten. Die einfachste Erklärung scheint mir die, eine allen Special- störungen gemeinsame Fötuserkrankung anzunehmen, wobei auch die progressiven Störungen, auf welche Dollin ger aufmerksam macht (Exostosen Fall II) ihre Rechnung finden, da ja so oft Defect und Excess hierbei Hand in Hand gehen.
Die Störungen an sich als entzündliche zu bezeichnen, scheint mir eine ganz mttssije Substitution eines bekannten Begriffs fUr einen unbekannten Vorgang; ich halte dafür, dass immerbin ein wenig damit gewonnen ist, dass nunmehr der Ausdruck „Bildungs- hemmung" für die vorliegenden F81le eine ganz bestimmte, anato- misch genau charakterisirte und diagnosticirbare Veränderung an eben- falls genau festgestellten Knochenknorpelgrenzen bezeichnen wird.
Erkläraog der Abbildungen.
Tafel I.
Flg. 1. Fall f. Linke« ROftgeleok ton einem achtmonatlichen Pdtot mit beMer-
aeltiger angeborner Verrenkung. C. Caput femoria, coH. CoHoni, TT. Tro-
chanter. n. Act. Nengebildetes Acetabnlmn, a. Act. Altei Aoetaboliim.
lig. t. Ligamentom terea. Hg. 2. Oorchschnitt des rechten Femora. Fig. 3. Fall U. Rechte Seite ?on einem Fall betdaraeitiger HüflgeleofcvflriieDkaog
mit Spina bifida. E. Eccbondroien. Praetor dea rechten Femor inter
partum, Calloa nach 21 Tagen. Flg. 4a. Dorchfcbnitt fon der in Fig. 3 ponctirten Linie aas aof das Foramen
obtoratorium des Beckens Fig. 3. e. F. Embryonales Fettgewebe, o. i.
Knochenkem des Ramus descd. ischH. o. p. Knochenkem das Raasua
boriE. pnbia. Fig. 4b. Rirailelobject eines gleich grossen nonaalen Beckena. Flg. 5. Fall VIL Rechtsseitige angeborne Huftgelenkverrenkoog. Sp. a. a. Spina
ant. soperior. Sp. bif. Spina bifida, norm. Gel. Normales Gelenk.
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') Zor Entacheidong dieser Frage durch mikroskopische Prilfong nnd Vergleleb der erkrankten Knorpel mit normalen reicht für jetit mMn Material norh nicht aas. Ich hoffe das nachzuholen.
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n.
Neue Beobachtongen auf dem Gebiete der Mykosen des
Nenscben.
Von Dr. James Israel,
fteUvertr. diri^endem Arzte am JUdlschon Krankenhaase za Berlin.
[Hiena Taf. II-V.«)]
Dte folgenden Beobaebtungen und Dntersdebungen beschäftigen sieb mit einigen im Körper des Menschen noch nicht gesehenen pflanzlichen Organismen. Ich habe sie in dieser Arbeit durchweg der KQrze halber Pilze genannt, ohne indessen damit etwas über ihre botanische Stellung prSjudiciren zu wollen« Die Systematisi- niBg ond Benennung derselben flberlasse ich den Botanikern. Das Stadiom dieser neuen Pilze war besonders darum von grossem Interesse, weil ihre charaktenstische Form und Entwickelung es er- mögliebten, in präciserer Weise als es bei den Micrococcen bisher mögiicb war die Art und die Wege ihrer Verbreitung, ferner ihrt Weiterentwickelung in den Organen des menschlioben Körpers zu erkenoen. Endlich gestatteten die Beobachtungen einige Schlüsse Qber die palhogene Bedeutung der in Rede stehenden Microorga- nismen, deren Vorhandensein in allen Fällen am lebenden Kranken coDstatirt worden ist.
Elka Jaff(^, 39 Jahre alt, aos Warecbaa, wurde am 22. Mai 1877 io die cbirorgitche Abtheiloiig des judisqheD Krankenbaoses za Berlin aufgenonunen. Die dorftigen aDamneatiacbeo Daten, welcbe za erairen waren, sind folgende. Sie ist seit 24 Jabren verheirathet , Matter fon 7 Kindern, and bat ausser der demDSchst za erwdbnenjlen keine Krankheiten überstanden. Die stets anreget- nittige Periode cessirte mit Beginn des jetzigen Leidens gflnzlicb. Vor and wah- r»d ihrer Krankheit wohnte Fat. in einer feuchten Wohnung mit reichlicher Schim- nelbildong. Vor 10 Monaten fiel Pat. mit der Brust gegen eine Brettkante. Ein Vierteljahr später (Herbst 1876) erkrankte sie mit Schmerzen in den Gliedern, zu deoeo sich fast taglich auftretende Fieberanfillle gesellten^ welcbe Mittags begannen, nnd gegen Abend mit einem Schweissausbrach eodeten, der die ganze Nacht an- fielt. Hasten trat intermittirend auf, einmal mit etwas blutigem Auswarf; übel- riechend soU der letztere nie gewesen sein und fehlt in letzter Zeit gänzlich.
*) Dte hier gezeichneten Priparate wurden der Berliner medicioitchen Gesell- sebaft io der Sitzong fom 19. Jani 1878 demonatrirt.
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Geraame Zeit nach dem ertten Aoftreteo der Fieberaonille eotwickelte sich an der ÜDkeo Seiten wand des Thorax eine kleine harte Geschwulst, welche laogsam wachsend weicher, schmerzhafter und grosser wurde, bis sie den Raum von der Mamma bis zum Bippenbogen einnahm. Fast gleichzeitig entstand eine diffuse ungemein schmerzhafte Schwellung der linken Wade. Ans beiden erkrankten Stellen wurde Ostern d. J. durch Incision massenhafter höchst übelriechender Eiter entleert. Nun folgte In Zwischenräumen von 8 — 14 Tagen Abscess auf Abecess: Schultern, Rücken, Brust, Bals, Extremitäten wurden besäet mit Abscessen, welche meistens durch das Hesser geöffnet wurden; jeder neue Abscess soll auf einen Fieberanfall gefolgt sein.
Status. Der Gesichtsausdruck der Pat. zeugt ?on tiefstem Leiden; ihre Farbe ist wachsbleich, mit leichtem Stich in's Gelbliche, während die Gonjunctiven porzelianweiss glänzen. Starke Abmagerung, sowohl Musculatur wie Fettpolster betreffend, ferbindet sich mit excessiver Korperschwäche. Das Bewusstaein ist follkommen klar. Ueber den ganzen Körper verstreut findet man eine grosse An- zahl Narben von früheren Incisionen stammend, femer geöffnete, noch secemlrende Abscesse, deren Hantbedeckong verdünnt und bläulich livide gefilrbt ist. An der linken Seitenwand des Thorax in der Axillarlinie des VI. Intercostairaumes be- findet sich eine flatolöse Oeffnung, durch welche die Sonde rlngsom in aosgedehate SÜAuositäten unter der Haut dringt , in welchen reichlich stinkender Elter sUgnirt. Eine erhebliche Zahl noch uneröffneter Abscesse findet sich an beiden Beinen, an den Armen, an der linken Schulter, in der Infraclaviculargegend , der Banchhant, den Hinterbacken; die Abscesse haben Kirschen- bis Apfelgrosse, sind meist wenig prominent, von nicht gerötheter Haut bedeckt, und wenig empfindlich. Sehr sehmerahafl dagegen sind diffusere Eiteransammlnngen an der rechten Seitenwand dea Thorax und in der linken Fossa supraspinata. — Die Arterien waren eng, von geringer Spannung; die Herzdämpfung nfcht vergrösaert; ein leiaes blasendes Geräusch war mit jeder Systole an der Spitze zu hören. Das Volumen des Urins betrug im Durchschnitt 1000 Gem. bei circa 1012 spec. Gewicht; derselbe war klar und eiweissfrel. Die Leber war nicht vergrössert. Die linke Tboraxhälfte schien ein wenig enger zu sein als die rechte, auch ihre respiratorischen Excur- sionen weniger ausgiebig als die der letzteren, doch war die Differenz so minimal, dass es häufiger Beobachtung bedurfte, um die Thatsache sicher festzustellen. An der rechten Lunge war nichts Abnormes nachzuweisen, ebenso nicht am Ober- lappen der linken. Die untere Partie der letzteren dagegen sowie die Hilzgegen«! konnte nicht exact untersucht werden wegen der daselbst befindlichen Eiterung und der davon herrflhrenden Schmerzhaftigkeit. Doch bestand eine Dämpfung ao der linken Seiten wand von der 5. Rippe abwärts bis etwa zum Rippenrande, es konnte aber nicht ausgemacht werden, wieviel davon dem unteren Lungenlappen, wieviel der Milz zukam. Husten und Auswurf fehlten, der Athem war nicht fibel- riechend. Der Digestionstractus zeigte nichts Erwähnenswertbes , ebensowenig der Geschlechtsapparat. Bei der Aufnahme bestand Fieber von 39* mit einer Puls- frequenz von H4.
Die Diagnose wurde auf chronische Pyämie gestellt. Dafür sprachen bei Ausschluss einer nachweisbaren Endocarditis ulcerosa die vielen onregelmissigen
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Freile, die fDaBsenbafleD AbscMse, weiche mit am so groBserer Wahncheintichkeit ib melaitatiiche aufgefasst wurden, als ilir Inhalt nach Aussage der -Patientin |ieicb bei der Eroffnang stinltend gewesen war; endlich jener nicht recht definir- bare Habitos, den die Pyämie ihren Opfern aufdruckt, der manchmal den Beob- achter beim ersten Blicke schon vermutben lässt, um welchen Zustand es sich hasdeit, ehe er noch irgend welche Daten der Erkrankung in Erfahrung gebracht bst. Der Ausgangspunkt der Pyämie war mir derzeit unklar. Dem Auftreten des zserst sichtbaren Abscesses waren schon viele Froste voranfgegangen; sein Inhalt war von vornherein, stinkend, Grund genug, auch ihn nicht für den primären zu iMltcD. Unter dem Einflüsse der herrschenden Anschauung ober die Nothweodig- keit fioer von aussen importirteo lofeclioo musste man bei Ausschluss einer pri- mären Erkrankung der äusseren Korperoberlläche und des Genitalschlanches schlies- leo, dass der primSre Heerd nur im Bereiche des Athmungs- oder Verdaunngstractos lieh befinden könne, welche man mit Recht als innere Körperoberflächen betrachten darf. Da an dem Intestinaltract nichts Abnormes zu finden war, blieb nur die Looge als Ausgangspunkt der Erkrankung übrig, und dafür sprach die leichte Differenz im Volumen der Thorazbälfteo , die Dämpfung in der linken Seitenwand. Docii kam diese Diagnose nicht über das Stadium der Wahrscheinlichkeit hinaus, om so mehr als Husten und Auswurf fehlte und das in der Anamnese erwähnte Thoma erst viel später in Erfahrung gebracht wurde.
In der Erwartung, den Micrococcos im Eiter zu finden, ineidirte ich den gescblossenen Abscess der Fossa supraspinata sinistra. Der entleerte Eiter hatte einen höchst widrigen Geruch, war schleimig iSbe, grQn geCirbt, und wie besäet mit gelblichen Körnchen von Hirsekorngrösse und darüber, welche sich mit der Nadel* spitze leicht herausheben Hessen. Wenn man einen körnchenhaltigen Elteru*opfen an einer schrSg gehaltenen Glasplatte entlanglaufen Hess, so floss der Eiter ab und die Körner blieben an dem Glase kleben. Die kleineren waren meist rund und bellgelblich gefärbt, die grösseren etwas dunkler und von drusiger Oberflache. Ihre Gon* sistenz war talgartig. 'Am reichlichsten waren sie in dem zuletzt doreb Druck auf die Umgebung des Abscesses entleerten Eiter, welcher eine graurothe Farbe hatte und zMher war, als der zuerst aosgeflossene , — Qualitäten, die dem früher als pus crudum be- zeichneten EntzUndungsproducte zukommen. Betrachtet man ein Ueiostes subrailiares Kömchen mit Loupenvergrösserung unter sanftem Drnck des Deckgläschens bei durchfallendem Lichte, so sieht man central eine bräunlich-gelbe , matt glänzende etwas un- regelroässig begrenzte Masse, umgeben von einer schmalen ring* innigen dunklen Zone: letztere erweist sich bei stärkerer Ver* .grössernng ans stark verfetteten Eiterkörperchen zusammengesetzt,
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zwischen denen man feinste FSden erkennt, welche hier und da an der Peripherie des Präparates eine kleine Strecke weit hervor- ragen. Tn der die Hauptmasse ausmachenden bräunlich-gelben Partie kann man wegen ihrer Undurchsichtigkeit nichts weiter sehen, als dass sehr kleine, dunkel glänzende, keulenförmige Körperchen hier und da an der Peripherie hervorsehen, dazwischen feinste etwas wellige Fäden in radiärer Richtung aus der undurchsichtigen Masse auftauchen. Zerdrückt man nun ein Korn oder zerreibt man es vorsichtig, so erkennt man bereits bei Hartnack VII Oc. 3 wesent- lich dreierlei morphologisch verschiedene Bestandtheile. Die Haupt- ^masse des Korns wird gebildet durch lange, ausserordentlich blasse, ungegliederte Mycelfäden (siehe Fig. 1 und 2) von äusserster Fein- heit, welche fast nie gradlinig verlaufen, sondern meist wellig, ge- bogen, oft korkzieherartig gewunden sind. In letzterem Falle sind die einzelnen Schraubenwindungen meistens von ungleichem Radius. Derselbe Faden kann eine Strecke weit grade, dann wellig, dem- nächst spiralig, endlich wieder grade verlaufen. Häufig sieht man echte dichotomische Verzweigung, wohl zu unterscheiden von fal- scher, scheinbarer Ramification durch blosse Aneinanderlagerung; die aus der Dichotomie hervorgehenden Aeste sind ebenso dick, wie der Stamm ; die Aeste können sich wieder dicbotomisch theiien. Der Verlauf der Aeste ist ein ebenso variabler, wie der der un- verzweigten Felden, so dass ein Ast gestreckt, der andere pfropfen- zieherartig gewunden sein kann. Diese Fäden scheinen sämmtlich drehrund zu sein. Doch kommen breitere Formen vor, welche bandartig platt und stets in einer langgestreckten Spirale von etwa 1^ Windungen gedreht. sind. Die Länge der Fäden ist schwer zu beurtheilen, da man sie nur durch Zerdrücken und Verreiben des Präparates isoliren kann, und sib dabei zerbrechen. Jedenfalls ist sie sehr variabel; bisweilen sieht man Fäden, welche mehr als die Hälfte eignes Gesichtsfeldes bei Hartnack 1mm. X Oc. 3 einnehmen; doch sind die meisten viel kürzer. Diese Fäden nun bilden Rasen, indem sie theils dicht unter einander verfilzt sind, wie verwirrte Haare, theils büschelförmig angeordnet mehr oder minder parallel neben einander hinlaufen. An Strecken, wo letzteres der Fall ist, erscheint bei schwächerer Vergrösserung der Rasen wie eine matte, fast homogene Fläche, und erst ein stärkerer Druck auf das Deck* gläschen oder Quellunf; durch Flüssigkeiten, wie destillirtes Wasser
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oder Kaliiaage ISsst die bis dahin eng aneipaader. liegenden Pih- ßden aus einander weichen und die Faserung deutlich erkennen. Wenn, wie meistens der Fall ist, die FSden eng verfilzt, durch einander gewoben sind, so macht das Lager bei schwächerer Ver- grösseniDg zuerst den Eindruck als ob es aus allerfeinsten. Ki)rn- eben bestehe, indem überall, wo zwei Fäden sich kreuzen, ein dBDklerer Punkt erscheint. Bei Qnellung indessen und Hebung Dod Senkung des Tubus ist man im Stande selbst ohne stärkere Qoetsebgng des Präparats die welligen Fäden streckenjveit zu ver- folgen. Bei Yorsilchtigem Zerreiben aber kann man stets die Zu- sammensetzung aus den geschilderten Piizfäden auf das Leichteste zur Anschauung bringen. In der Randzone eines Kornes, welche, wie Torher erwähnt, bei schwacher Vergrösserung als dunkler Ring sieh abhebt, bilden die Pilzfäden weite Maschen, zwischen denen ?erfettete Eiterkörper liegen. Diese schmale Randzone kann man durch vorsichtiges Wälzen des Kornes auf dem Objectglase ent* fernen, dann besteht das zurückbleibende Korn nur aus pflanzlichen Elementen. Ausser den oben beschriebenen Fäden findet man als zweiten Bestandtheil feinste Körnchen verschiedener Grösse, welche man sicher mit dem gewöhnlichen Coccos identificiren wfirde, wenn man ihnen allein ohne die anderen Bestandtheile des Pilzhaufens begegnete. Man unterscheidet ganz kleine blasse, schwach lichtbre* efaende Kömchen von gleichmässiger dem Micrococcus entsprechender Grösse and grössere sehr stark glänzende, welche manchmal nicht ganz mad, mehr oval, ja eckig sind, und ihrer Grösse, nach dem Billroth'schen Meso- und Megacoccus entsprechen dürften. Letztere bilden die Minderzahl und sind unter die zuerst genannten ge- mischt. Alle diese Körnchen sind infiUrirt in die Maschen, welche dorch die sich nach allen Richtungen durchkreuzenden Pilzföden gebildet werden, so weit letztere nicht, wie vorhin erwähnt, ganz eag neben einander liegen. Doch kommen auch, wenngleich selle- oer, ausgedehntere Strecken vor, die nur aus den genannten Körn- ehen bestehen, wobei stets die grösseren glänzenden unter den kleinen blassen verstreut liegen. Der dritte Bestandtheil der ?i]^ fODglomerate ist der merkwürdigste (siehe Fig. 2, 3, 4). In ausser- ordenth'ch grosser Zahl liegen in zerriebenen Präparaten unregel- mässig Ober das ganze Gesichtsfeld zerstreut Körper von starrem Aussehen von etwa birnförmiger oder keulenförmiger Gestalt, d. b.
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an einem Ende breit UQd abgerundet, am anderen sich verschmllernd, Körper von ungemein intensivem Glänze, der manchmal den Ein- druck grünlichen Schillerns hervorbringt. Innerhalb des genannten Typus der Birnenform variiren die einzelnen Gebilde ungemein, so* wohl an Grösse, als VerhSltniss zwischen Länge und Breite.
Es giebt sehr grosse Formen, deren LSngsmesser 0,024 Milli- meter, bei grösster Breite von 0,006 Millimeter, betragt, kleine mit einer LSnge von 0,0075 Millimeter und 0,003 grösstem Quermesser. Diese Maasse werden sowohl nach oben wie nach unten bin Qb«r* schritten. Bei schmalem Quermesser entsteht eine Art Lanzettform. Ein Theil endet an dem verschmälerten Ende in eine Spitze (Fig. 3 bj),. bei einem anderen ist das schmale Ende mehr abge- stumpft, oder auch gradlinig quer begrenzt, als ob die Spitze ab- gebrochen wäre (Fig. 3 h), ein dritter läuft am Schwanzende in einen mehr oder minder feinen leicht wellig gebogenen Faden aus (Fig. 3 b bj), so dass eine Spermatozo^nähnlichkeit resultirt (siehe auch Fig. 5b,), bei anderen endlich sitzt dem spitz zulaufenden Ende noch ein oder eine kurze Reihe feiner Körnchen an. Viele dieser Gebilde haben keine grade, sondern eine leicht bogenförmig gekrümmte Läogsaxe, so dass das schmale Schwanzende etwas seitlich vom Körper abgebogen ist. Weitere merkwürdige Formen entstehen durch Theilungen dieser Körper. Ich bemerke ausdrOck- lich, dass ich mit dem Worte Theilung einstweilen keinen geneti- schen Begriff verbinde, sondern dasselbe nur zur Beschreibung und besseren Klarlegung der Form gebrauche. Zunächst siebt man durch Quertheilung (Fig. 3 c c,) einen birnförmigen Körper in 2 Tbeile zerfallen. Er erscheint dann gleichsam quer zu seiner Längsaxe durchschnitten, und zwar kann die Trennungsebenc näher oder ferner dem verschmälerten Ende liegen, manchmal so nahe, dass das Gebilde in ein grosses vorderes Stück und ein kleines „Komina^-ähnliches Anhängsel zerßillt. Die Theilstücke liegen ent- weder dicht an einander, nur durch eine feine Linie getrennt, oder ein mehr oder minder breiter Zwischenraum einer nicht sichtbaren Bindesubstanz hat sich zwischen dieselben geschoben. Die Binde- substanz ist aber vorhanden, wenn man sie auch nicht sieht, denn der aus zwei Stücken bestehende Körper bewegt sich bei irgend einem Impulse als Ganzes, und erst durch gewaltsamen Druck kann man beide Theile wirklich von einander trennen. Die Theilung
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hnD nuQ weiter ^ehen, so üass mao Forulen sieht die aus 3, 4 auch 5 Segiiienteo bestehen. Auch diese zusammengesetzteren Formen behalten als Ganzes betrachtet noch immer eine langge- streckte Birnen- oder Keulenform, insofern man ein breiteres ab- gerundetes Kopfende unterscheidet, dem allmählich immer schmSler werdende Segmente ansitzen , bis das letzte ein spitz zulaufendes Schwanzstück darstellt. Die zusammengesetzten Formen sind um so griteser, namentlich um so länger, je mehr Theilstücke sie ent- halten. Letztere bleiben nun nicht immer zusammenhaflen, indem ihre Verbindung sich immer mehr lockert, je breiter die unsicht- bare Bindesttbstanz zwischen ihnen wird; so kommt es, dass man sehr häufig Kopfenden ohne Schwanzenden begegnet, von der Form einer Birne deren Stielende man quer abgeschnitten hat, oder auch den auf dem optischen Querschnitte trapezoid geformten Mittel- stocken. Häufiger als die eben beschriebenen secundären Verände- rungen der birnenförmigen Körper sind solche, die aus Sprossungs- ond Längstheilungsvorgängen entstehen, wodurch höchst eigenthüm- licbe und bizarr aussehende Gebilde hervorgebracht werden (Fig.3d, Fig. 4, Fig. 6 c). Die Längsspaltung beginnt an dem dickeren, ab- gerundeten Ende des birnförmigen Körpers als eine Einkerbung, die sich mehr oder weniger weit bis zur Spitze hinab erstrecken kann. Zunächst können die Producte dieser Spaltung eng an ein- ander liegen; dann wird die Einkerbung tiefer und breiter und trennt die TheilstUcke mehr oder minder weit bis zu dem schmalen Ende, an dem sie noch zusammenhängen. Gewöhnlich sind die TheilslOcke nicht gleich gross, sondern das eine schmaler und Diedriger als das andere, manchmal in dem Grade, dass das kleinere dem grösseren wie eine seitliohe Knospe aufsitzt. Diese Längs- spaltung ist nun häufig nicht blos einfach, sondern drei-, vier-, fQnf- und mehrfach. In manchen dieser Fälle von multipler Spal- tung entstehen Figuren, die einer Hand mit ausgespreizten Fingern ähneln und zwar dann, wenn die Spaltung nicht ganz bis zu dem schmaleren Ende hinabreicht, und letzteres abgestumpft und ver- breitert ist. Geht die mehrfache Spaltung bis zur Spitze, so liegen die Spaltstocke (von denen jedes wieder eine schmale Birnen- oder Laozettform hat) wie die Blätter eines aufgeklappten Fächers, nach dem spitzen Ende bin convergeot und laufen daselbst bisweilen in einen gemeinsamen feinen Faden aus. Diese Formation hat dann
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einige Aeholicbkeit mit dem Blatte einer Rosskastanie. HKufig findet man eine ebenso fttcherförmig gelagerte Gruppe von Rörpercheii, von denen nur noeb einige an der Spitze zusammenhängen, ,die Übrigen ganz von einander getrennt sind (Fig. 3 d'). In anderen Fällen wird der Anschein der fächerförmigen Gruppirung erst durch den Druck des Deckgläschens hervorgerufen, nehmlich dann, weoa die eine Gruppe zusammensetzenden birnenförmigen Körper oichi in einer Ebene, sondern in der Fläche eines Kegels angeordnet liegen, dessen Spitze dem Convergenzpunkt der verschmälerten Enden entspricht (Fig. 2 c). Die Variationen aller dieser Gebilde sind so mannichfaltig, dass sie gar nicht erschöpfend zu beschreiben sind ; und zwar sowohl in Bezug auf Grösse und relatives Verhält* niss der Durchmesser bei den einfachen birnenförmigen Körpern als auf Zahl der durch Quertheilung entstandenen Segmente; bei den scheinbar längsgespaltenen Gebilden variirt der Anblick unge- mein nach Häufigkeit der Spaltung, nach Tiefe derselben, nach Grösse und Zusammenhang der SpaltstQcke, von denen die einzel- nen wieder secundäre Einkerbungen oder Spaltungen zeigen kön- nen. — Wofür hat man nun diese birnenförmigen Körper zu halten? Es wurde bei Beschreibung derselben angeführt, dass sie an ihrem spitzen Ende nicht selten in einen feinen Faden sich verlängern. Derselbe ist gewöhnlich nicht lang, selten länger als der Längsmesser des Körperchens selbst — vielleicht nur darum^ weil er beim Verreiben des Präparates leicht abbricht; doch ist es mir wiederholt gelungen, ein solches an seinem schmalen Ende un- mittelbar in einen langen wohlcharakterisirten Pilzfaden übergeben zu sehen, oder vielleicht richtiger ausgedrückt, das birnenförmige Anschwellen eines Pilzfadens an * seinem Ende zu beobachten. Dabei tritt besonders stark der Gegensatz zwischen dem schwachen Lichtbrecbungsvermögen des Fadens und dem starken Glänze der Anschwellung hervor. Ich habe bisher nur die einfachen und die quergetheilten birnenförmigen Körper mit längeren Pilzfäden in Verbindung gesehen, nie die grösseren längsgespaltenen und sprossenden complicirteren Formen. Von einem einfachen Pilzfaden zu solchem mit endständigem birnenförmigen Körperchen findet man alle Uebergänge (Fig. 3 a, b, Fig. 5 b). Zunächst blasse Fädeo, welche am Ende stark 'glänzend wecden, dann solche, an denen das glänzende Ende ein wenig breiter wird als der Faden; dieses
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breitere glänzende Ende schwillt weiterbin immer stärker kolbig oder birnenförmig an. Dieses Verbalten habe ich sowohl an ein- fachen wie an dicbotomischen Fflden beobachtet.
FQr gewöhnlich erscheinen die glänzenden birnen- und keulen- förmigen Gebilde durchaus homogen; eine Differenzirung, eine Stnictar kann man eben wegen ihres starken Glanzes nicht wahr- nehmen. Doch findet man Formen« welche vielleicht als abnorm veränderte, vielleicht als Ausdruck des Absterbens zu betrachten sind, an denen man eine Zusammensetzung aus Membran und In- halt sehr wohl erkennen kann. Zunächst sieht man Exemplare, bei denen durch Quellung ein Unterschied in der Lichtbrechung des Inhaltes und der Membran entsteht. Dadurch wird letztere sichtbar gemacht; und sind dann nicht selten Paltungen derselben KU erkennen. Sodann finden sich geplatzte blasse Specimina, welche our noch aus der leeren Kapsel bestehen, mit deutlich erkennbarer Stelle des Risses, woselbst sich zuweilen die RSnder nach einwärts gerollt haben (Fig. See,). Aus alle dem gebt hervor, dass die glänzenden birnenförmigen Körper als Gonidien aufzufassen sind, d. h. als endständig von Fäden producirte Zellen. Ehe ich aber noch alle diese Qualitäten der Gonidien gefunden hatte, machten sie beim ersten Blick wegen der Starrheit ihrer Formen und des bizarren Aussehens vieler derselben eher den Eindruck von nicht organisirten Gebilden als von pflanzlichen Zellen. Die chemische Untersuchung erwies sowohl die Fäden wie die glänzenden Körper als durchaus resistent gegen Schwefelsäure, Salzsäure, Essigsäure. Tagelanges Aufbewahren in Aelher und Ghloroform veränderte sie gar nicht, ebensowenig wie Erwärmung auf dem heizbaren Object* lisch bis 40* und darüber. Die Kalilauge raubte den birnenförmigen Körpern etwas von ihrem Glänze und machte sie blasser, ohne ihre Form zu zerstören. Alle Bestaudtheile eines Pilzkorns, also Täden, Körnchen und glänzende Körper färben sich durch Jod- lösung braungelb, durch Fuchsin roth, durch Methylviolett blau. Jodschwefelsäurereaction ist mir nicht gelungen. Bezüglich des normalen Lagerungsverhältnisses der drei Bestaodtheile zu einander in einem Pilzkome ist es schwer nach Untersuchung des frischen Piüparates etwas Sicheres auszusagen , da man die Details erst er- kennt, wenn man das Korn zerquetscht oder zerrieben und damit den normalen Zusammenhang der Theile zerstört hat. Dazu braucht
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man feine mikroskopisch verwerthbarc Schnilte durch die Körner, über deren Constitution wir später (gelegentlich der Nierenunter- suchung) berichten. Soviel war indessen schon an möglichst wenig maltraitirten Präparaten zu sehen, dass es sich um ein Stroma eng verfilzter Mycelfäden handelte, in deren Maschen feinste Körnebea lagen, während die glänzenden birnenförmigen Conidien an der Peripherie hervorsahen, und zwar an manchen Abschnitten des Haufens dicht gedrängt, an anderen sparsam oder gar nicht.
Diese Beschreibung würde etwa dem Aufbau eines allerklein- sten Pilzhaufens entsprechen. Wenn man aber ein grösseres Pilz- körn platt zerdrückt, so ist das mikroskopische Bild nicht so ein- fach, denn die glänzenden birnenförmigen Körper befinden sich nicht blos am Aequator des Haufens, sondern sind über die ganze Oberfläche vertheilt Durch das Zerdrücken des Klümpcbens zu einer Scheibe kommen dann die Conidien scheinbar in der ganzen Pilzmasse verstreut zu liegen. Da aber die Oberfläche des Pilz- haufens eine drusige ist, so stehen die Conidien am dichtesten in den Furchen zwischen zwei Buckeln; und wenn nun das Präparat plattgedrückt wird, so erscheinen die glänzenden Körper dement- sprechend am dichtesten in mehr oder minder regelmässigen Kreis- abschnitten gruppirt, welche das Gesichtsfeld in kleinere Felder tbeilen. Letztere entsprechen einem plattgedrückten Buckel der drusigen Oberfläche, und im Innern eines solchen kleineren Feldes liegen dann unregelmässig verstreut die durch den Druck dislocirten Conidien von der Kuppe des Buckels. Da die birnenförmigen Kör- per an der Peripherie eines jeden Feldes sämmtlich mit den schmalen Enden centripetal gerichtet liegen, so müssen sich stets zwei Felder an ihrer BerUhrungslinie die kolbigen Enden ihrer respectiven Coni- dien zukehren. Wo letztere fehlen, strahlen von der Peripherie in radiärer Richtung Fäden aus, welche von denen des Nebenfeldes gekreuzt werden.
Mit vorstehender ansfübrlicber Schilderung des Abscesslnhaltes der Fossa snpraspinata ist gleichzeitig die Qoalitftt des Inhaltes aller fibrigen Abscesie be- schrieben. Denn Qberall war bei der Eröffnung der Befund ein gleicher; nirgend ein Abscesseiter ohne Gestank, ohne die charakteristischen Pilzhaufen, die in ma- kroskopischer wie mikroskopischer Beziehung sich durchweg glichen. Es wurden successive einige zwanzig Abscesse eröffnet, von denen ein Theil erst während des Aufenthaltes im Krankenhaose entstanden war. Die eröffneten befanden sich auf der linken Schulter, an den Armen, den Beinen, den Hinterbacken, der rechten
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iDfracIartcalargcgend , der gleichen Seite des Broslkorbes. Wabreod eio Tbeil der Absceste sieb aof das subcutane Zellgewebe bescbräokte, erstreckte sieb bei an- deren die Eiterung tief in das intermusculare Bindegewebe binein, so an der Vor- dcrfläcbe des recbten Oberscbenkels, ari der linken Wade, in der linken Fossa SQpraspinata. — Einmal wurde sogar nacb Spaltung eines Abscesses ober Tubero- fitas tibiae sin. der Knochen vom Periost entblosst und rauh gefunden.
Dte Ünteraocbung des Blutes auf Ptizelemente Qel negativ aus. Zwar Cand ich bisweilen einzelne Korocben, die man als Hicrococcen bfltte ansprechen können, doch würde ich auf dieses Vorkommen keinen diagnostischen Werth legen, weil man dem einzelnen Korne nicht ansehen kann, was «s ist. Auch eine her- vorragende Granulimng der weissen Btutkorper ist mir nicht aufgefallen.
Heber den Verlauf des Falles bis zu dem am 21. Tage nach der Anf- nabme erfoiglen Tode ist nur wenig zu sagen. Die Temperaturcurve war eine so irregaläre, wie wir gewohnt sind, bei Pyimie zu sehen. Wie schon erwähnt, ent- »tand eine Anzahl neoer Abscesse von dem Charakter der ^Iten. — Sechs Tage Djch der Aufnahme, am 28. Mai, beobachteten wir den ersten Schüttelfrost, dem ein gelinderer am nächsten Tage folgte.
Am 30. Mai klagte Pat. über Schmerzen im Leibe , vorzüglich in der Leber- gegeod nnter dem rechten Rippenbogen, wo sie bei jeder Inspiration schmerzhafte Stiebe fühlte. Percasslon oder Palpation war wegen grosser Drackempfindlicbkeft unmöglich; dagegen ei^ab die Auscultation ober der Leber an einer circurotcripteo Steile ein schabeodes Gerflusch auf der Hohe der Inspiration. Pat. sah höchst collabirt ans, die Gonjunctiven waren leicht gelblich gefärbt, die Zunge trocken, der Dorst brennend.
Am 30. Hai und I.Juni je ein Frost. Allmflhiich wurde der Leib starker aafgetrieben, der Percussionsscball daselbst tiefer und lauter.
Am 5. Juni gestattete die etwas geringere EmpOndlichkeit festzustellen , daas der noiere Lebenrand bis zum Nabel reichte. Der Icterus nahm sichtlich zu, die Zunge wurde schwarzbraun borkig belegt.
Am 5. und G.Juni starke Schüttelfröste; am 10. war der meteoristisch auf- getriebene Leib bei leichter Berührung überall äusserst schmerzhaft und Erbrechen stellte sich ein. Tags darauf einige Dyspnoe, wobei ganz deutlich die rechte Brust- bälfte aosgiebigere Athmnngsezcursionen machte als die linke. An der linken Tkoraxwand und auf dem Stemum stellte sich ein leichtes Oedem ein ; dem Icterus gesellte sich Cjanose zu.
Am 11. Juni Nachts \\ Dbr trat der Tod ein. Wahrend des ganzen Krankheits- terlaufes war Neigung zur Obstipation vorbanden. Die Uriomenge, welche zwischen 700 und 1400 Ccm. bei einem specifischen Gewichte von 1013 bis 1010 schwankte, war erst in den letzten Lebenstagen erbeblich gefallen, bis auf 300 Ccm. Ob der Ram bis zum Lebensende eiweissfrei blieb , ist leider aus dem sehr dürftig geführten KraDkenjonmale nicht zu ersehen.
Section 12 Stonden p.m. MSIssig icterische sehr abgemagerte Leiche mit stark aufgetriebenem Abdomen. Ueber die ganze Körper- oberfläche verstreut befindet sich eine Unzahl durch Schnitt geOfl'neter
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Abscesse, deren detaillirte Äufzähluog durch die vorangegangene Beschreibung unnöthig geworden ist. Ein Abscess an der rechten Wade wird durch Spaltung der Haut in ganzer Ausdehnung frei- gelegt Er bat einen LSngswesser von 11 Cm., hat die Haut un- regelmässig buchtig unterminirt; sein Grund wird durch nekrotische Gewebsfetzen gebildet, die dem Quadriceps surae aufsitzen. Ein zweiter noch uneröffneter Abscess wird in der Fossa jugularis ge- funden. Sein Grund wird von der freigelegten Trachea gebildet; der Eiter hat die Schilddrüse gänzlich von der Luftröhre separirC In beiden Abscessen ist der Eiter ungemein reich an den makro- skopischen Pilzkdrnern, welche oben ausführlich beschrieben wur- den. — Lymphdrttsenschwellungen sind nirgend vorbanden. Nach Eröffnung des Brustkorbes retrahiren sich die Lungen gar nicht, weil sie nach allen Seiten mit den angrenzenden serösen Blättern verwachsen sind. Das Herz hängt durchweg mit dem Herzbeutel durch ödematös sulzige leicht trennbare bindegewebige Flächeu- adbäsionen zusammen, mit Ausnahme zweier Stellen, an denen die Verwachsungen sehr feste sind, nehmlich an dem Abgange der Lun- genarterie und an der Herzspitze. Letztere wird mit einiger Ge- walt abgerissen; dabei entsteht an der entsprechenden Stelle des Pericardium ein Riss, welcber bis in eine Höhle im Unterlappen der linken Lunge reicht, d^ letztere fest mit dem Herzbeutel ver- wachsen ist. Das Epicard ist trUb, verdickt, das Herz etwas nach links verzogen, der linke Ventrikel etwas erweitert Das Herzfieiscfa ist gelbbraun, fahl, der Klappen apparat intact in beiden Herz- hälften speckhäutiges Goagulum.
Die linke Lunge ist in ihrer Totalität der Rippen- und Zwerchfellspleura wie dem Herzbeutel fest adhärent Der obere Lappen ist schiefrig gefärbt, etwas ödematös, sonst ohne Abnormi- täten. In den unteren zwei Dritttbeilen des Unterlappens dagegen findet sich mehrfache Höhlenbildung, in Gestalt zweier grösserer und vieler kleineren. Von den grösseren befand sich die eine im medialen Theile des Unterlappens nach innen begrenzt von der durch Verwachsung der Pleura mit dem Pericard gebildeten Schwarte, nach- unten von einer dicken schwartigen Bindegewebsschicht, in welche die unterste Lungenzone mit dem Zwerchfelle aufgegangen war, nach aussen und nach oben zunächst von fibrösem Gewebe, welches weiterhin in indurirtes Lungenparenchym überging» Ihre
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Form war unregelmässig, ihre Gapaciifit etwa eine Unie. Die Waodungen der Hoble sahen theils glatt aus, theils rauh — durch fiele ganz kurze unter, dem Wasserstrahl flottirende Gewebsfetzen. Letztere sind gelbbraun gefSrbt und ausserordentlich reich besetzt Qod durchsetzt von besonders grossen Pilzbaulen, von denen manche die doppelte GrlVsse eines Mohnkorns erreichen. Eben diese Pilz- conglomerate in ungemein reichlicher Zahl und so hervorragender Grösse, wie sie in den subcutanen Absceasen nicht erreicht worden war, bildeten mit Eiter gemischt den Inhalt der Höhle. Sie lagerten in den Vertiefungen und kleinen Sinuosiläten zwischen den flottiren- deo Gewebsfetzen so dicht, dass man nur mit der Messerklinge aber die Bohlenwand zu streichen brauchte, um ganze Massen der- selben zu erhalten. Je grösser die Körner, desto dunkler waren sie gefibrbt, vom hellgelblichen Ton bis zu einer lichten Saepiakrbe. Die grösseren Körner hatten eine maulbeerförmige Oberfläche; fflaochmal sah ich ringförmige, manchmal halbmondförmige Exem- plare. Die Färbung war, wenn überhaupt vorhanden, oft keine poz gleicbmässige, sondern bellgelbliche Haufen zeigten bräunliche Flecke, oder ein Korn war theils weiss, theils gelb. Einen Quer- fioger breit nach aussen von der eben beschriebenen Höhle lag eine etwas grössere, welche lateral bis nahe an die Pleura heranreichte, aaeh unten von einer aus fibrös degenerirtem Lungengewebe, Pleura ood Zwerchfell bestehenden Schwane, nach oben und nach innen TOD einer schmalen Zone derben Bindegewebes begrenzt wurde, dem sich dann weiterhin *indurirtes Lungengewebe anschloss. Qua- lität der Wandungen und des Inhaltes waren genau dieselben wie bei der vorhin geschilderten medial gelegenen Höhle. Von der lateralen Höhle aus war ein Durcbbrucb durch die linksseitige Brustwand erfolgt mittelst eines Ganges, der letztere in der Höhe des 5. latercQstalraums dicht vor der Axillarlinie durchbohrte und in den grossen Abscess an der linken seitlichen Thorax wand mün- dete, dessen in der Anaipnese als des zuerst sichtbar gewordenen gedacht wurde. Derselbe stellte jetzt eine unregelmässig sinuöse sohle dar, welche durch eine fistulöse Oeffnung unterhalb der 6. Rippe nach aussen mündete, die Haut der seitlichen Brustwand weitbiQ mterminirt hatte, und vielen brSunlicben jauchigen Eiter enthielt, in welchem massenhafte Pilzcongloroerate zu finden waren. — In dem indiirirten Lungengewebe, welches die beiden grösseren
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Höblen umgiebl, sieht man auf Durchschaitlen vielfach Spalten und kleine unrogelmSssige Bohlen bis zu Erbsengrösse mit Pilzkörnero und Eiter gefüllt. Die mikroskopische Untersuchung des Inhaltes dieser kleineren Hohlräume lässt ausser den Pilzkörnem Eiterkörper und mehr oder minder reichliches flimmerbesetztes Cylinderepithel erkennen. Es geht aus diesem Befunde hervor, dass wir es mit uloerirten und erweiterten Bronchien zu thun haben. Die mikro- skopische Constitution der Pilzhaufen ist dieselbe wie diejenige der gleichen Gebilde aus den subcutanen Abscessen; nur sind durch die Aufbewahrung in absolutem Alkohol die Körner fester gewor- den, schwerer zu zerdrücken oder zu zerreiben, die Fäden sind feiner, die Verfilzung derselben enger, so dass man die Prfiparate durch Kalilauge quellen lassen muss, um die Structur deutlich zu erkennen. Während in diesen kleineren Spalten und Höhlen die glänzenden birnenförmigen Körper, die aus den Pilzhaufeu hervor- sprossen, sehr klein sind, zeichnen sich gerade die Pilzconglomerate der beiden grösseren Höhlen durch so ungemein grosse und viel- fach längsgespaltene Conidien aus, wie wir sie sonst in keinem anderen Organe wieder angetroffen haben.
Mikroskopische Schnitte durch die unteren Partien der Lunge, in der wir die eben beschriebenen Höhlenbildungen fanden, ergaben Folgendes. Das Gewebe ist theils derb fibrös mit vielen einge- streuten elastischen Fasernetzen und reichlichen Pigmentablagerungen sowohl gelb-rother als brauner und tief-schwarzer Farbe, theils siebt man welliges Bindegewebe reich infiltrirt- mit jungen Zellen resp. Eiterkörpern, oder man erkennt noch comprimirle Alveolen, in deren sehr verbreitertem Zwischengewebe reichliche Zelleninfiltration vorhanden ist. In jedem mikroskopischen Schnitte findet man pflanzliche Elemente, und zwar von den drei Formelementen, die einen Pilzklumpen zusammensetzen, nur die kleinsten, uefamlich die feinen coccusähnlichen Körnchen, niemals dagegen Fäden oder bir- nenförmige glänzende Körper. Die topographische Anordnung dieser feinen Körnchen ist eine dreifache. Erstlich findet man sie strecken- weit In Zügen diffuse infiltrirt in das Gewebe, so dass man nicht sagen kann, dass sie sichtbar präformirten Räumen in ihrer Aus- breitung gefolgt wären. — • Demnächst findet man sie in spindel- förmigen Bindegewebsspalten, die von der Grösse gewöhnlicher Bindegewebskörper bis zu den grossen Dimensionen glatter lluskel-
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faseni variireii. Endlich und am häufigsten liegen die genannten pflanzliehen Elemente in langen cylindrischen geffiasähnlichen Bah^ KD angeordnet, welche sieh verzweigen, Anastomosen bilden, aber nicht deotlich eine eigene Wand erkennen lassen und die man als Lympbgefiisse ansprechen rouss. Ihr Durchmesser schwankt von der Feiobeit der Capillaren bis zu dem Gaiiber kleiner ArlerieB. Wo die Römcfaen in etwas dickeren Schichten liegen, also in den Bindegewebsspalten und namenttich ib den letztheschriebenen Lymph» bahnen, ist die Farbe gelb bis gelb-braun. Letztere combinirt sich noch mit einem eigenthümlichen Glänze, da, wo man in dickeren Schnitten auf den optischen Querschnitt eines senkredit zur Schnitt- ebene verlaufenden LymphgefUsses blickt. Die einzelnen Körncben oder dQnne Schichten von ihnen zeigen weder Glanz noch Farbe. Nur zu einem kleinen Theile liegen die Körnchen in den Gefüssen so eng und gleicbmUssig gedrängt, wie wir es gewohnt sind bei MierococcusanhSufungen zti sehen. Meistens wechseln in dem Ge«- ßssinbalt Strecken von ungleicher Dichtigkeit und ungleichem Licht- breefaungsvermOgen mit einander ab, indem dunklere klumpig-geballte Massen von Pilzkörnchen untermischt liegen mit dicht gedrängten Eiterkörperchen. Die letzteren sind mit Pilzkörnchen ganz erfflllt, und man siebt bisweilen Gefässe, deren Inhalt nur aus den körncben- erfüllten Eiterkörpern besteht Selbst diese Gefässe zeigen die gelbe Farbe, welche der reichlichen Anhäufung der pflanzlichen Elemente zukommt, während ebenso dicke Schichten von Eiterkörpern ohne Piizkömchen, wie sie reichlich in dem indurirten Lungengewebe zu fiodeo sind, keine Spur eines gelben Colorits zeigen. Deutliche Blotgeflfsse habe ich in der Lunge nirgend mit PilzelemeniCD er- föllt gesehen. -~ Durchschneidet man die Lungenbasis senkrecht zu ihrer Verwachsung mit dem Zwerchfell, so erkennt man im Be* reiche der neugebildeten Adhäsionsschwarte, welche nach oben von dem Lungenrande, nach unten von der Zwerchfellmusculatur be- grenzt wird, kleine Spalten oder deren rundliche Durchschnitte so- wie grössere cavemöse Räume, deren Slructur nur mit der des Corpus cavemos. penis zu vergleichen ist. An einer Stelle ist in einer Ausdehnung von ca. 3 Gm. das Gewebe derart cavernös ver- indert Sowohl die Spalten wie die cavernösen Räume sind reich- lich angefüllt mit grossen Pilzkörnem bis zu Stecknadelkopfgrösse, Ton oft maolbeerförmiger Oberfläche, insbesondere sind die Balken
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des caTernSsen Gewebes dicht besetzt mit denselben. Wenngleich nun auch die makroskopische Erscheinungsweise dieser Körner die- selbe ist, wie die der bisher beschriebenen, so unterscheiden sie sieb doch von letzteren aofffillig durch eine andere Consistenz* Sie sind nngemein brQcbig und zerbröckeln beim Versuche, sie mit der Nadelspitze emporzuheben, in viele kleine Partikel. Dem ent- spricht auch ein erheblicher Unterschied ihrer Constitution. Sie bestehen nur aus Körnchen, keine Spur verfilzter Fäden oder gISu* zender birnenförmiger Körper. Die Körnchen sind von verschie- dener Grösse und verschiedenem Glänze und werden zusammen«- gehalten durch eine unsichtbare Glia , deren Existenz bei Rotation von kleinen Körnchenhaufen im FlUssigkeitsstrome unter dem Deck- glase dadurch evident wird, dass scheinbar getrennt von einander liegende Körnchen sich stets in demselben Sinne bewegen. Ausser diesen pflanzlichen Elementen findet man in dem Inhalt der caver- nösen RSume Lymph- resp. Eiterkörperchen , dicht erfüllt mit den Pilzkörncben und endlich grosse Membranen, welche aus rauten- förmigen Endothelien bestehen, die bei SSurezusatz einen lings- ovalen Kern mit Kernkörper zeigen (siehe Fig. 10). Diese Mem- branen sind oft mehrere Gesichtsfelder gross und sind stellenweise dicht besetzt, theils mit Anhäufungen der eben genannten Eiter^ körper, theils mit dichten undurchsichtigen Haufen von PilzkOm- ehen. Durch diese Endothelien iegitimiren sich die RSome als eavernöse LymphrSuroe. In den Spalten sind Endothelien nicht nachweisbar.
Die rechte Lunge, gleichfalls durchweg adhftrent, ist müssig ödematös, ohne jede Heerderkrankung. Innerhalb der AdhSsionen mit der rechten seitlichen Brustwand, in der Höhe der 6. Rippe findet sich eine kleine, pilzkornreiche Eiteransammlung, welche die Brustwand dnrch bohrend mit dem daselbst befindlichen subcutanen Abscesse communicirt. Die entsprechende Rippe ist cariös. Irgend ein Zusammenhang dieses intinthoracischen Abscesses mit der Lunge besteht nicht. Bei der Eröflfnung der Bauchhöhle fliesst eine grosse Menge fibrinös-eitriger Flüssigkeit aus. Die Leberoberfläche ist zum grossen Theile mit der Bauchwand frisch verklebt, z. Th. mit fibri- nösen Lagen bedeckt. Zwischen dem linken Leberlappen und dem Zwerchfell findet sich ein grosser abgekapselter AtMcess.
Die M i I z ist mit dem Diaphragma verklebt, mit dicker Fibrin-
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Schicht belegt, sehr erbeblich vergrössert, von grosser Erücbigkeit des Parenchyms. Von leUterem ist nicht viel erbaltei!, da das Organ von einer ungemein grossen Zahl von Abscessen durcbsetxt ist, deren gritoste das Volumen eines Apfels erreichen. Man über- leugt sieb leicht, dass die grosseren Eiterhöhlen aus Gonflaenx vieler kleinerer entstanden sind; jeder einzelne der kleinen Abscesse hat einen unregelmässig angefressenen Contour; eine «Ansahl davon liegt za einem Gomplex gruppirt, der meist eine kugelige Form bat; zum Schluss schmelzen die Scheidewände, und damit sind die H5blen confluirl. In der Peripherie der Abscesse pflegt man einen Hof von hiimorrhagiscliem Parenchym zu finden. Der Inhalt der Abscesse wird von Eiter und reichlichen kleinsten bis mobnkoro* grossen Pilzkömem gebildet von der schon oben beschriebenen Constitution. Von der Peripherie dieser Pilzkttmer wachsen lange sehr feine wellig gebogene reich im dichotomischen Typus ver- zweigte Fiden aus, welche ausgedehnte Netze bilden, in deren Ilasellen die Eiterk5rperchen liegen. Diese Netze erstrecken sich weitbin, so dass sich in manchen darauf untersuchten Abscessen der ganze Eiter von denselben durchsetzt fand (Fig. 11). Ob wirk«- liehe Anastomosen der Fäden vorkommen oder das Bild der Netze aar durch den Kreuz- und Querverlant der Fäden hervorgebracht wurde, konnte ich nicht entscheiden.
Die Nieren sind massig vergrössert, sehr blass und zeigen in der Rindensnbstanz reichliche Abscesse von der Grösse eines Hirse«* koms bis zum Durchschnitt einer Linse. In der Marksubstanz fehlen dieselben gänzlich. Meistens liegen dieselben gruppirt; die grösseren Abscesse sind aus der Confluenz kleiner entstanden, daran erkennbar, dass sie theils sinutfs sind, theils durch enge OefToungen mit peripher gelegenen kleinen Abscessen in Verbindung \re\en. Der Inhalt derselben besteht aus Eiter und Pilzconglome«- raten, weldhe auf Schnitten durch gehärtete Präparate sich durch ihre safrangelbe bis gelbbraune Farbe sofort dem blossen Auge er« kenntlich machen, seihst wenn sie nur von punktförmiger Grösse sind. Es findet sich kein einziger Abscess in den Nieren, und sei er noch so minimal, der nicht mykosischen Inhalt und zwar stets in der tieschriebenen Form zeigte. Bezüglich der Grösse der Con^ glomerate gelten die wiederholt angegebenen Maasse; ihre Gestalt ist meist kugelig mit drusiger Oberfläche (Fig. 13 b). Die Klein-
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heil vieler Nierenabscesse gestattet wegen der guten firhfirtuDg ihres Inhaltes feine Darchschnitte durch die im Eiter eingebetteten Pilz- conglomerate zu machen, wodurch einige StructurverhSItnisse 'der- selben klar werden, die man an den frisch untersuchten zerdrückten Pilzhaufen nicht deutlich wahniehmen konnte. —
Zunächst zeigt sich, dass die OberflSche der meisten Haufen mehr oder oMuder dicht besetzt ist mit den birnenförmigen Kör- pern. Femer wird es an den Durchschnitten deutlich, dass die birnenfOrmtgen Körper stets nur an der Peripherie, nie innerhalb der Substanz des Pilzkornes vorkommen (Fig. 13 c). Weiterhin findet man, dass die Structur der allerkleinsteu (nur mikroskopisch er- kennbaren) Haufen eine etwas einfachere ist, als die Eingangs dieser Arbeit für die hirsekorngrossen Gebilde beschriebene. Man findet ihre Hauptmasse nur aus einem Lager feinster gleich massiger Körn- chen zusammengesetzt, aus welchem in der Peripherie theils lange radiär ausstrahlende FSden, theils birnenförmige Conidien hervor- gehen (siehe Fig. 12). Noch einfachere Structurverhältnisse haben andere Pilzcolonien aufzuweisen, und zwar ein aus feinsten matten Körnchen bestehendes Lager, von dessen Rande Fäden auswachsen (Fig. 13 d). In diesen Fällen findet man stets das Körncbenlager durch einen regelmässigen. Contour so scharf begrenzt, dass man zu der Vermuthung kommt, es müsse sich in einem präformirten Hohlräume entwickelt haben, — und zwar der Grösse und Gestalt nach in einer Malpighi'schen Kapsel. Von dem scharfen Ck>ntottr strahlen die Fäden aus. — Dieser Befund bildet den üebergang zu der allereinfachsten Erscheinungsweise der Pilze. In Schnitten durch die Gorticalsubstanz fauden wir nehmlich häufig Glomeralos- schlingen, einmal auch ein Vas afferens, prall infarcirt mit ganz gleichmllssigen Pilzkörnchen von Micrococcusgrösse, und zwar be- trifft die Infarcirung manchmal nur eine Schlinge, mandimal den grösseren Theil des Glomerulus (Fig. 14). Die betroff'enen Schlingen sind durch den Pilzinfarct erheblich aufgetrieben, und quellen Ober das Niveau der anderen hervor. Die gedrängte Anhlufting der Pilzkörnchen giebt ihnen eine gelbe bis saepiabraune Farbe. Oft erkennt man, dass die Körnchen bei ihrer Vermehrung die Wan* düngen der Schlingen durchwachsen und in den Hohlraum der Malpighi'schen Kapsel eindringen. So erklärt es sich, wie sie in die Harnkanäle gelangen, von denen wir vielfach sowohl gewundene
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wie gerade Exemplare fest ausgestopft mit den Körnchen gefunden h«l>eD) welche aucb hier den infarcirten KanSlen eine gelbbraune Farbe verleiben. Endlich finden sich dieselben Körnchen ebenso gleicbmSssig und dicht gedrSngt innerhalb einer grossen Zahl von Biodegewebsspalten und in varicösen verzweigten Kanälen des Binde« gewebes, welche zweifellos dem Lymphapparat angehören. —
Besondere Erwähnung verdient die Thatsache, dass 10 der Umgebung derjenigen Pilzinfarcte, welche nur aus ROrnchen bestehen, jede entzündliche Veränderung fehlte während die Eiterung in der Umgebung derjenigen Conglomerate niemals vermisst wird, aus welchen Fäden oder Conidien hervorspriessen.
Dieses Verhalten wird am Schlüsse bei der Besprechung der patbogenen Bedeutung des Pilzes seine Würdigung finden.
Der Darm zeigt eine gesehwollene Schleimhaut, an welcher innerhalb der Strecke vom Duodenum bis etwas unterhalb der Bauhiniscben Klappe ca. 15 schwarzblaue halbkugelige Erhabenheiten ?on Stecknadelkopf- bis Ober Erbsengrösse auffallen. Der Durch- schnitt lehrt, dass es sich um kleine Abscesse im submucösen Ge- webe handelt, über welchen die Mucosa hämorrhagisch infarcirt Ist Der Inhalt der kleinen Abscesse besteht aus etwas Eiter mit vielen kleinen Pilzconglomeraten.
Die Lei) er ist eine Fettleber, erheblich vergrössert, icteriscb, sehr brüchig. Auf dem Durchschnitte sieht man überall theils eitrige Flüssigkeit aus den Lumina der Pfortaderäste hervorquellen ; theils stecken erweichte Thromben in denselben. An Schnitten darch das gehärtete Organ erkennt man meist schon mit blossem Auge die vielgenannten Pilzconglomerate bis zu Hirsekorngrösse in den feinen Pfortaderästen steckend, und diese obturirend (Fig. 15). 1q der Umgebung jedes dieser Pilzköruer ist das Gefäss mit Eiter geflIUt; die Eiterung greift dann über die Wandung hinaus auf die Glfsson'sche Kapsel über, und bei weiterem Fortschreiten der Eite- rung ist tlie Gef^sswandung nicht mehr zu erkennen, und nur das Lageverfaältniss zum Gallengang^ und der Leberarterie lässt dann Doeh erkennen, dass die Pilzembolie und die Eiterung im Gebiete der Pfortader sitzt (Fig. 16). Recht häufig sind mehrere Pilzhaufen hinler einander als Emboli in denselben Ast gefahren. Dann sieht map um jeden Haufen die umgebende Eiterung , und zwischen den
ArehlT f . patbol. Anat. Bd.LXXlV. Hft.l. 'S
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Eiterheerden ist das Gefäss mit Thromben erfüllt. Ausser deo be- schriebenen findet sich noch eine kleine Zahl stecknadelkopfgrosser Abscesse mit central liegenden kleinen Pilzhaufen, welche in keiner nachweisbaren Beziehung zur Pfortader stehen. Der Eiter ist hier durchsetzt von einem Pilzfadennetz, welches von dem centralen Haufen auswächst
Der Genitalapparat zeigte nichts Bemerkenswerthes.
Epikritische Bemerkungen.
Die Vermuthung, dass der Ausgangspunkt der pySmischen Er- kraokung in einer primären Lungenaffection zu suchen sei, ist durch die Section bestätigt worden. Die schwielig bindegewebige Indu- ration in der Umgebung der beiden Lungenhöhlen verglichen mit dem Verhalten der Umgebung aller übrigen Abscesse des Körpers beweist schon die Priorität der Entstehung ersterer. Dafür spricht ferner, dass die in den beiden Lungenhöhlen gefundenen Pilzcon- glomerate weitaus grösser waren als überall sonst, und dass die Ausbildung ihrer Bestandtheile vorzüglich der glänzenden birnen- förmigen Gebilde in Bezug auf Grösse sowohl wie auf Reichhaltig- keit der Theilungs- und Sprossungsprozesse derjenigen in allen an- deren Abscessen weit überlegen war.
Versuchen wir aus dem anatomischen Befunde in Verbindung mit den anamnestischen Daten uns ein Bild von der Entwickelung der Lungenaffection zu machen. — Den Ursprung der kleinen pilz- und eitererfUUten Spalten und Höhlen im Unterlappen der linken Lunge konnten wir durch den Befund reichlichen cylindrischen Flimmerepithels mit Recht aus der Ulceralion erweiterter Bronchien herleiten. Per analogiam dürfen wir die Entstehung der beiden grösseren Höhlen auf ulcerirte Bronchiectasien zurückführen. Die Bildung der Bronchiectasien wiederum ist zu erklären durch den Zug, den das schrumpfende indurirte Gewebe des Unterlappens und die Totaladhäsion der Pleura mit Brustwand, Zwerchfell und Me- diastinum auf die Wandungen der Luftwege ausgeübt hat* Die zur Induration und Schrumpfung des Unterlappens führende chronische interstitielle Pneumonie nun glaube ich in ursächliche Beziebang zu dem Fall gegen die Brettkante bringen zu dürfen, denn ich halte es für ebenso möglich, dass nach Trauma entzündliche Pro- zesse mit Ausgang; in Induration entstehen, wie es factiseh beob-
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achtet ist, daes Traumen die Veranlassung zu dissecirander Pneur monle gewesen sind. Die Verschwörung der Bronehiectasien er- folgte durch die Zersetzung des in ihnen stagnirenden Secretes, welche ihrerseits mit der Anwesenheit der pflanzlichen Organismen in ursftcblicbem Zusammenhange steht: Die Ansiedlung und das Gedeihen der Pilze in den Bronehiectasien musste hesonders be- ganstigt werden durch die aus der Totalverwachsung mit allen an- grenzenden Theilen resultirende Unbewegiichkeit der Lunge, welche die für jede Pilzentwickelung sehr förderliche Stagnation der Secrete ermöglichte. —
Den Gang der Verbreitung der Pilze von dem primären Lub- genbeerde aus und die Art der Generalisirung im Körper hat die mikroskopische Untersuchung klargelegt Zunächst haben die Lymph- babnen des erkrankten Lungenlappens und die neugebildcten lym- phaliscben Apparate in den pleuritiscben Adhäsionen die Pilzsporen in Gestalt micrococcenähnlichcr Körnchenaggregate aufgenommen. Von dem Lymphapparat sind sie, in's Blutgefässsystem geführt, und mit Ausnahme der Leber von dem Arterienblut in die metastatiseh erkrankten Organe verschleppt worden. In diesen haben sie sich zunächst als Körncbencolonien innerhalb der kleinen Gefässe ange- siedelt, wie wir in der Niere an den infarcirten Glomerulusschlingen und den Vasa afferentia haben feststellen können, und erst aus diesen einfachen Körnchenmetastasen haben sich, wie man Schritt rar Schritt durch das Mikroskop nachweisen kann, die Pilzrasen von der vorher beschriebenen Form und der eompHcirten Zusammen- setzung entwickelt. Von der Peripherie der Körnchencolonien wachsen zunächst radiär ausstrahlende Fäden aus. In diesem Sta- dium hat der Körnchenhaufen noch grösstentheils die Form des präformirten Hohlraumes bewahrt, in welchem er sich ansiedelte, während die Fäden von den Stellen -der Wand ausstrahlen, welche von den Körnchen durchwachsen sind. Ist die Wandung des Ge- fässes oder der Malpighi'schen Kapsel unter der Wucherung der Körnchen vollkommen zu Grunde gegangen, dann treten die glän- zenden birnenförmigen Körperchen an der Peripherie des Haufens auf, während der grössere centrale Tbeil desselben noch aus fein- sten Körnchen besteht. Von da ab wächst das Conglomerat zu einem im grossen Ganzen kugeligen Gebilde heran mit drusiger Oberfläche, in welchem die ursprünglich ausschliesslich vorhandenen
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ROrncben zum grOsstea Theile durch Mycelffiden ersetzt sind, die zu einem dichten Rasen sich verfilzen, welcher an seiner Ober- fläche Conidien trägt Abweichend von dem bisher beschriebenen Modus stellt sich der Prozess in der Leber dar. Hier ist die Em- bolie von der Pfortaderseite her erfolgt und betrifft ansehnliche Zweige. Das embolische Material sind hier keine ROrnchen, welche erst zu höheren Formen auswachsen, sondern die ausgebildeten miliaren Conglomerate von Körnch'en, Fäden und glänzenden birnen- förmigen Körpern sind hier fertig importirt worden und in Gefässen stecken geblieben, die ihrem Durchmesser entsprachen. Diese Pilz- haufen können nur von der Milzvene her der Pfortader zugeführt worden sein. Was ich über die Fortpflanzung des Pilzes habe er- forschen können, findet sich gelegentlich der Besprechung des nächsten Falles zusammengestellt; die Frage nach der pathogenen Bedeutung des pflanzlichen Organismus ist am Schlüsse dieser Ar- beit erörtert. Zur vollständigen Klarlegung unseres Falles wäre noch die Frage zu beantworten, w.oher die pflanzlichen Organismen in die Lunge gelangt sind. Waren ihre Keime als Luftsporen mit der Atmosphärenluft eingcathmet worden, oder waren sie aus der Mund- und Rachenhöhle, der Brutstätte so vieler Parasiten, aspirirl worden? Es war leider versäumt worden, bei der Patientin die gebührende Aufmerksamkeit dem Munde und den Zähnen zuzuwen- den, daher musste hier die Frage unentschieden bleiben. Da führle mir der glückliche Zufall einen Kranken zu, der mich auf die rich- tige Fährte der Untersuchung führte.
Der 36jlbrige Hermann Ebenstein haue Im Laufe der letzten Jahre wieder- boU fon Anachwellongen am A!veolarrort«atze des Unterkierers im Bereiche des H., 3. and 4. cariosen Backzahns der rechten Seite zu leiden. Mitte September 1877 fühlte er eine bewegliche Geschwulst in der Submaiillargegend, „wie eine Orü^e*-. welche zuerst schmerzlos war, dann mit zunehmender Ansrhwellong achroerzte Mitte October wurde, als die ganze rechte Seite des Halses geschwollen war, durch einen Lanzettsticb sehr viel stinkenden Eiters entleert. Die Punctiootoffoaog schloss sich sofort wieder und der Abscess füllte sich wieder an, so dass dreimal mittelst Lanzette punctirt werden musste. Am 30. October 1877 wurde Pat. in das Krankenhaus aufgenommen. Wir fanden einen Abscess an der rechten Seilr des Halses, der nach innen bis zur Mittellinie, nach aussen liis zum Stemocle^^o- roastoideus, nach oben bis zum grossen Hörn des Zungenbeins, nach nnten bi< nahe an das Schlüsselbein reichte. Die bedeckende Haut war gerötbet, die L^m- gebong indnrirt. Bei der lorision entleert sirh einp fiern.pumiente stinkeiide Ftus-
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«fkeit foo schwach alkalischer Reaclioo, io welcher eine uogemein grosse ZshI theils weisslicher, tbelis gelbhrfiuDlicher Körner sospendirt ist, von suhmiliarer bis Steckaadelkopfgrösse. Die Dotersachung dieser körser folgt weiter ooten. — Nach Drainage war der Abscess am 11. November soweit ausgeheilt, dass Pat. mit einer dem Darcbmesser des Drainrohrs eotspre- cfaendeo granulireoden Stelle entlassen wurde. Am 9. December stellte sich Pat. mit einer neuen Eiteraosammlung im Bereich des untersten Theils des fruhereo Abscesses vor. Der Inhalt war wieder der eben beschriebene. Bald darauf bil- dete sich ein wallnussgrosser Abscess an derselben Seite nach aussen vom grossen ZoDgenbeinhorn mit eben demselben Inhalt. Nach Ausspülung mit 5proceotiger Carbolsäare ist dann vermuthlich Heilung erfolgt, da Pat. sich nicht wieder gezeigt bat. — Zur Constitution der Kömer ist Folgendes zu sagen. Ihre Consistenz ist talgartig, sie adhariren sehr leicht der Wand des Eiterbeckeos , so dass beim Abgiessen des Eiters eine grosse Zahl am Gefässe kleben bleibt.
Eine genauere Schilderung ihrer makroskopischen Qualitäten, wie ihrer mikroskopisch wahrnehmbaren Zusammensetzung kann ich mir ersparen, da. sie als ganz identische Gebilde mit denen des vorangehenden Falles erkannt wurden, und dasselbe für bie gilt, was dort ausführlich beschrieben worden ist.
Nur zwei Punkte sind noch zu erwähnen. Zunächst sieht oian io diesem Falle viel häufiger als im vorigen Pilzhaufeo, denen die glänzenden birnenförmigen Körper gänzlich f)eh]en. An anderen hiogegen findet man sie ungemein reichlich mit allen den morpho* logischen Variationen, die wir oben kennen gelernt haben. Das mittlere Maassverhältniss der einfachen Birnenformen beträgt im Längsmesser 0,015 Mm., im grössten Quermesser 0,003 Mm. Als zweiter Punkt scheint mir erwähnenswerth, dass in einem Präpa- rate eine Gruppe von glänzenden keulenförmigen Körpern und fei- ueo Körnchen deutlich grttnlich-gelb gefärbt war, ein Vorkommen, welches ich bei dem vorbeschriebenen Falle noch nicht, bei einem folgenden noeb einmal beobachtet habe. An den Pilzen dieses Falles nun ist mir die Entstehuogsweise der glänzenden Körper besonders khir geworden. Ich legte einige Körner in Pasteur'scbe PIQssigkeit auf ein Objectglas, bedeckte dieselben mit einem Deck- gläschen und übte auf dasselbe einen sanften Druck aus, so dass die Körner in mehrere Ballen zerklüfteten, welche mikroskopisch betrachtet aus den vielfach beschriebenen Fäden und Körnchen bestanden. Das vor Verdunstung geschützte Präparat zeigte nach 24 Stunden* folgende Veränderung (siehe Fig. 5 a bei a). An vielen
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der Bahnen waren am Räude kleinere birnenfbmiige Rörpercheu hervorgewaebsen, und zwar derart, dass. neben längereu gewunde- nen, bisweilen dichotouiischen feinsten Fädeu überall kurze etwas dickere Fäden am Rande hervorsaben, welche am freien Ende kolbig birnenförmig anschwollen, und im Bereiche dieser Anschwel- lung erheblich stärker lichtbrechend waren. Diese Anschwellungen variirten von den kleinsten bis zu ausgebildeten grösseren Birnen- formen, und zeigten schon nach weiteren 12 Stunden vielfach Quertheilungen von 2 bis zu 4 Gliedern (Fig. 5 a bei /9, b; Fig. 6 bei b). Die grössten Exemplare der birnenförmigen Körper schei- nen sieh von den Fäden, denen sie entstammen, abzulösen, und liegen dann in der Umgebung der Rasen unter Haufen von Körn- chen (Sporen) verschiedener Grösse. Auch die durch Sprossuog und scheinbare Längsspaltung entstaudeiten Formen finden sich in diesem Falle (Fig. 6 c), und es ist mir gerade hier gelungen über das Wachsthum dieser Dinge einen Aufschluss. zu bekommen durch fortgesetzte mikroskopische Beobachtung eines solchen Gebildes, welches ungefähr einer Hand mit fünf Fingern glich (siehe Fig. 6 bei d). Nach 2 Tagen hatte es sich folgendermaassen verändert (Fig. 6 bei d')* Der erste fingerförmige Fortsatz war durch Quer» tbeiliing in 2 Segmente zerfallen,- der 2. durch Längstheilung oder Sprossuog in 2 fast gleich lange, an der Basis verwachsene Zapfen verwandelt. Die Basis des ganzen Gebildes, welche beim Vergleich mit einer Hand etwa dem Handteller entsprochen halte, war schmaler geworden, in mehrere Stücke zerklüftet, und die fingerförmigen Fortsätze hatten sich partiell von ihr abgeschnürt. Ausser dem erst geschilderten Wachsthumsmodus des Pilzes durch Produktion birnenförmiger Gonidien konnte ich an den in Pasteur'scher Flüssig- keit unter dem Deckglase beobachteten Präparaten ein Wachsthum durch Erzeugung von Körnchen seitens xler aus dem Rasen radiär ausstrahlenden Fäden erkennen (Fig. 8). Viele derselben tragen oehmlich an der Spitze ein glänzendes Knöpfchen, von anderen gehen allerfeinste Seitenreiser ab, an denen die glänzenden Körnchen sitzen, bei noch anderen kleben die letzteren den welligen Fäden dicht seitlich an. Recht häufig findet sich an der Spitze der aus dem Rasen lang hervorwachsenden Fäden ein grösserer Haufen von Körnchen, in welchem viele feinste blasse mit einer geriDgeren Zahl grösserer stark glänzender untermischt liegen. Diese Bilder
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lassen nur die Deutung zu, dass die Faden endständig und seitlich die glänzenden Sporen abschnüren, aus deren Veitnebrung dann die blassen Körnchenhaufen entstehen. — Noch einer Wachsthums- form der in Pasteur'scher Flüssigkeit unter dem Mikroskop be« tracbtetea Rasen habe ich Erwähnung zu thun. Sie senden bis« weilen von ihrer Peripherie zungenförmige, aus feinen Kömeben zusammengesetzte Fortsätze aus, in deren Axe häufig ein sehr breites plattes Band von mattem unendlich fein gekörntem Proto- plasma liegt, von welchem sich die umgebenden ü^ömchen abzu* schnüren scheinen. Es bleibt uns noch übrig, die schwierige Frage zu beantworten, was aus den birnenförmigen Gonidien wird. Ueber diesen Punkt kann ich nur eiue Yermuthung aussprechen, nehmlich die, dass die Gonidien durch Prozesse der Sprossung, AbschnUrung uod Zerklüftung zur Entstehung der gröberen glänzenden Körner uod Schollen Veranlassung geben, Welche man unter den feinsten blassen Kömchen verstreut findet. Man sieht nehmlich häufig Go- flidien von ganz unregclmässiger Form, an denen hier Knöpfeben hervorspriessen', dort Abschnürungen und Theilungen entstehen, an- scheinend ohne die geringste Regelmässigkeit (Fig. 7 a). Von diesen Diogen nun findet man alle Uebergänge bis zu Häufchen von un- regelmässig geformten Schollen und gröberen Körnern, von dem- selben grünlich schillernden Glänze wie ihn die Gonidien zeigten. Durch sorgfältige lange Behandlung dieser ölglänzenden Körper mit Aether und Ghloroform, durch Erwärmung auf den heizbaren Ob- jeeltisch habe ich mich vor einer Verwechselung mit Fett geschützt. Ich glaube nun, dass diese glänzenden Körner, Bröckcl und Schollen die blassen feinsten Sporen hervorbringen, da letztere stets in der Umgebung der ersteren angetroffen werden; aus den feinsten blassen Körnchen wachsen dann die Mycelfäden hervor. Fig. 7 b zeigt eine Gruppe von Gonidien untermischt mit gröberen glänzen* den and feinsten blassen Körnchen; aus dem Haufen wachsen Fäden hervor, welche«endständige Sporen abschnüren. Es ist wahr- scheinlich, dass die stark glänzenden gröberen manchmal eckigen Körnchen, welche zwischen den birnenförmigen Körpern liegen, aus diesen hervorgegangen sind. Was sich also bezüglich des Wachs* thums ond der Entwicklung des Pilzes aus den beiden Krankheits- fällen ergiebt, würde sich kurz dahin zusammenfassen lassen. 1) Die schwach iichtbrechenden micrococcusähnlichen Körnchen
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wachsen zu ungegliederten, welligen, streckenweis korkzieherariig gewundenen, nicht selten dichotomischen Fäden aus.
2) Die FUden können endständig und seitlich glänzende Sporeti- körncben abschnüren.
3) Als Abkömmlinge der letzteren sind Haufen feinster blasser Körnchen zu betrachten.
4) Unter besonderen Bedingungen (in Pasteur'scher Flüssig- keit) können sich die feinsten blassen Körnchen von breiten matten ProtoplasmabHndern abschnüren.
5) Ein Theil der Fäden wird am freien Ende stark glSnzend und schwillt daselbst birnenförmig an.
6) Das birnenförmige Ende (Conidie) kann durch Quertheilung in eine Reihe von Segmenten zerfallen.
7) Die birnenförmigen Körper werden frei und machen durch Sprossung (scheinbare LängstTieilung), Abschnürung, Theilung und Zerfall eine Reihe von Metamorphosen durch, deren Endresultat die Bildung glänzender unregelmässig geformter Schollen und Körner ist.
8) Aus letzteren entstehen vermuthlich die feinsten blassen micrococcusähnlichen Körnchen, welche wieder zu Fäden auswachsen können. Wir nehmen somit zweierlei Entstehungsarten der feinsten Kömchen an: einmal aus den birnenförmigen. Gonidien, ein an- deres Mal aus endständig und seitlich von den Fäden abgescbDürten Sporen.
Was nun die Classiücation dieses Pilzes anbetrifft, so maasse ich mir als Laie in der Mykologie gar kein Urtheil darüber an* Aber leider habe ich auch von ausgezeichneten Botanikern keine Auskunft darüber erhalten können. Soweit es die Fäden und Körn- chen betrifft, stimmt die Pflanze mit der von Professor Ferdinand Cohn in Breslau als Streptothrix Förster's') beschriebenen Alge überein, welche derselbe einmal gesehen hat, und zwar in einer Goncretion des unteren Thränenkanälchens. Herr Prof. Gohn hatte die Güte mir dieses nach Untersuchung meiner Präparate zu be« stätigen. Indessen bezüglich des Wesens der glänzenden birnen- förmigen und polymorphen Körper hatte derselbe sich noch kein Urtheil bilden können, und hat es noch langen Untersucbens be- durft, ehe ich die Gebilde mit ganzer Sicherheit als pflanzliche
■) Beltrtge zur Biologie der Pflanzen. 3. Hft. S. 187.
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bezeiehoen durfte, ich überlasse die Benennung meiner Pflanze den Botanikern. —
Während es nun in dem ersten Falle zweifelhaft bleiben musste, ' von wo die Parasiten in den Organismus eingewandect waren, spricht die Kraukheitsentwickelung im letztreferirten Fälle mit ^ aQsserordentlieher Wahrscbeinlicbkeit dafür, dass der Ausgangs- punkt des Prozesses in den cariösen Zflhnen zu suchen sei; und damit drSngte sich mir die Vermutbung auf, dass auch die in dem Abscess gefundenen Pilze aus den cariösen ZUbnen stammten und von da auf Lymphwegen weiter vorgedrungen seien. Das veran- lasste mich, mein Augenmerk den von cariösen Zfibnen ausgehen- den Abscessen überhaupt zuzuwenden, um zu erfahren, ob in ihnen pflanzliche Organismen eine Rolle spielen, und für den Fall eines positiven Befundes, zu untersuchen, ob in den Zähnen dieselben Gebilde enthalten seien, wie in den von ihnen abhängigen Abscessen. Gleich der erste am 13. November 1877 darauf untersuchte Fall beantwortete mir in überraschender Weise beide Fragen in positi- vem Sinne. Ein 9 jähriges Mädchen, Alexandrine Meyer, hatte ^ einen kleinen subperiostealen Abscess am Unterkieferrande, ent- sprechend dem 3. rechtsseitigen cariösen Backzahne. Die Haut über dem Abscesse war geröthet, am Zahnfleische keine Schwellung. Durch Incision von der Haut aus wird ein krUmlicher, nicht riechen- der Eiter entleert, in welchem viele Körner suspendirt sind, von Mohnkorngrösse bis herab zu eben mit unbewaffnetem Auge er- kennbaren Exemplaren. Die grossen sind undurchsichtiger als die kleinen. Letztere besteben aus einer vanabeln Anzahl dicht neben einander liegender sehr durchsichtiger kugliger Bläschen (Fig. 17) von 0,1 — 0,18 Mm. Durchmesser. Dieselben sind scharf begrenzt, elastisch, und lassen in ihrem Inneren selbst bei stärkster Ver- grösserung nur undeutlich schwach lichtbrechende allerfeinste Köm- * chen wahrnehmen. Durch starken Druck platzt gelegentlich das Sückchen, und ^ine vielfach gefaltete Kapsel von äusserster Durch- sichtigkeit bleibt zurück unter Austritt des Inhaltes, welcher nach seinem Freiwerden ganz deutlich aus feinsten blassen Körnchen mit gliaartiger Bindesnbstanz zusammengesetzt erscheint. An man- chen der SSckchen, namentlich nach Aufbewahrung in reinem Gly- cerin, kann man bereits eine Faltung an der ungeplatzten Kapsel wahrnehmen. Die Dicke der letzteren variirt recht erheblich; man
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erkennt an iDancbeii Exemplaren eine deullieh doppelt contourirte Hülle. In einem etwa stecknadelkopfgrossen Korne von bräunlicher Farbe, welches aus einer grossen Anzahl solcher Säckeben zosam- mengesetzt war, die stellenweis bräunlich gefärbt waren, hatten die Kapseln sogar ein starres und glänzendes Aussehen. Zwischen ihnen lag eine trübe saepiabraune aus Körnchen zusammengeseUie Masse. Andere mohnsamengrosse Körner zeigten eine andere Con- stitution, welche durch Fig. 18 dargestellt wird. Sie bestehen aus langgestreckten, parallel oder fächerförmig neben einander liegen- den Schläuchen mit ungemein zarter Membran, welche grössten- theils durch Septa gekammert sind, an denen auch der Schlauch etwas eingeschnürt erscheint« Bisweilen geht die Einschnürung so weit, dass es aussieht, als sei der Schlauch zusammengesetzt aus einer Reihe (4—7) ovaler Sückchen, die mit dem schmalen Ende sich berühren. Der Inhalt ist manchmal so ungemein blass, dass man nur mit Mühe einige feinste Kömchen darin erkennen kann, meistens aber nimmt ein Haufen von stärker lichtbre^henden ge- mischt mit blassen Körnchen die Axe einer jeden Kammer ein, während die den Wandungen und den Septis. anliegende %one hell bleibt. An manchen Schläuchen, an denen Septis nicht zu erken- nen sind, ist doch der Inhalt so angeordnet, dass durch die regel- mässige Unterbrechung der Körnchenhaufen durch ganz helle Quer- streifen eine Art Kammerung entsteht. Eine dritte Reihe Körner« und zwar die grösslen aus demselben Abscess geben das merk- würdigste mikroskopische Bild. Bei schwacher Vergrösserung siebt man einen grünlich schrmmernden runden Haufen mit dunklerem Rande, an dessen gesammter Oberfläche eine sehr regelmässige radiäre Anordnung langgestreckter schmal-birnenförmiger Elemente zu erkennen ist. Mit stärkerer Linse (Hartnack VII) erkennt man an dem etwas plattgedrückten Haufen (Fig. 19) ein aus allerfeinsten blassesten Pünktchen bestehendes Stroma, aus welchem ceniripetal nach allen Richtungen des Raumes höchst feine. Fäden bervor- wachsen, die an ihrem Ursprung häufig noch aus längsgereihten allerfeinsten Körnchen zusammengesetzt sind, an ihrem peripheren Ende aber allmählich birnenförmig oder kolbig anschwellen und glänzend werden. Das langgestreckt birnenförmige Ende zerfällt meistens durch Quertheilung in mehrere Segmente (von zwei bis zu zehn). Diese behalten im Allgemeinen die Formen bei, welche
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aian durch Zerlegung einer sehr langgestreckten und sehr schmalen Birne aiiitelst Querschnitte erbalten würde; vielfach aber entstehen Variationen durch Abrundung und Anschwellung einzelner Glieder, durch Längsstrecknng anderer. Dabei adaptirt sich dann häufig ein Segment an die Form Veränderung seines Nachbars, so dass es k.B. an der Bertthrungsfläche napffOrmig ausgehöhlt wird, wenn das benachbarte kugelig anschwillt Daraus resultiren Formen, die man oni einer Eichel vergleichen kann.
In diesem Falle nun gelang es mir nachzuweisen, dass im Wurzelkanale des extrabirten cariösen Zahnes dieselben Elemente vorhanden waren, wie in dem Abs- cess. Der Kanal war vollgestopft mit den erst beschriebenen bellen Säckchen, von denen viele eine doppelt contourirte, dicke Kapsel, manche eine bräunliche Farbe hatten. In den meisten war ein aus feinsten Körnchen bestehender lohalt zu erkennen, lieber die botanische Stellung dieser Säckchen weiss ich nichts, als dass einmal ähnliche, vielleicht dieselben Gebilde von Leber') in einer aus Leptotbrix bestehenden Goncretion des unteren Thränenkanäl- ebens beobachtet worden sind. — Neben diesen Säckeben waren in dem Zabninhalte die gewöhnlichen pflanzlichen Begleiter der Zahocaries vorhanden, so dass ich es fUr möglich halte, dass die geschilderten Gebilde in den Entwickelungskreis des Leptotbrix der Zahncaries fallen. — Ganz dieselben Säckchen und gekammerten Schläuche habe ich bei einem anderen Patienten in einem sehr ^ häufig recidivirenden kleinen Abscesse gefunden, welcher von einem cariösen Zahne am Oberkiefer herrührte, und zwar habe ich bei wiederholtem Anstechen des sich immer wieder füllenden Abscesses zu verschiedenen Zeiten immer wieder dieselben Gebilde nach- weisen können. Weitaus aber in den meisten der vielen Fälle von Absceasen im Gefolge cariöser Zähne, die ich im Laufe des letzten Jahres untersuchte, habe ich dieselben Pilzelemente gefun- den, wie sie in cariösen Zähnen gewöhnlich vorkommen. Zunächst den ausgebildeten Lepthothrix buccalis, dann Ballen feinster Micro- cocceu, Haufen von Bakterien verschiedener Dicke und Länge, und Conglomerate , die aus Stäbchen und Körnchen zusammengesetzt waren. Ein grosser Theil dieser Pilzanhäufungen ist schon mit un-
^) V. Graefe'fl Archiv XV. j. Abth. S. 328.
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bewaffnetem Auge in Gestalt von feinsten KlUmpchen bis zu solcbea von Hirsekorngrösse und darüber zu erkennen, die bald trüb weiss* lieh ausseben, bald bräunlich gefärbt sind. Die braune Farbe habe ich bei verschiedenster Zusammensetzung der Gonglomerate ge- sehen, am intensivsten bei Leptothrix. DiiB aus Stäbchen und Körn- chen combinirten Haufen zeigen verschiedene Anordnung. Einmal sieht man ein Mycel durcheinander liegender feinster biegsamer kürzerer und längerer Fäden, eingebettet in ein Körnchenlager, welches streckenweise auch ganz frei von Fäden ist. Andere Male findet man innerhalb des Körnchenlagers eine eigenthUmlich regu- läre Anordnung der linearen Elemente, welche häufig dem Bacillus subtilis (Gohn) entsprechen, nehmlich eine Gruppirung in Colon- nen, innerhalb welcher die Bacilli einander parallel liegen, sämmi- lich mit der Längsaxe in der Längsaxe der Golonne. Mehrere der- artige Golonnen treten dann, von einem Punkte aus divergirend zu einem Büschel zusammen, dessen äusserste Strahlen in leicht ge- bogener Richtung verlaufen, die Goncavität des Bogens nach aussen gewendet. \^^ In einem Falle endlich von Oberkieferzahnabscess, fand ich
neben miliaren Pilzhaufen von der eben beschriebenen Gonstitution ein hirsekorngrosses Gongloraerat, welches aus einem reichen Netze langer, schwach welliger, sehr feiner, ungegliederter, bisweilen dicbotomischer Fäden zusammengesetzt war, in deren Maschen ein feinstkörniges Micrococcenstroma lag. Bei unsanftem Druck zer- brachen die langen Fäden in kürzere Stücke. Diese Fäden sind nun durchaus identisch mit denen in unseren Fällen von Pyämie und von Abscess am Halse gefundenen. Dass die glänzenden birnenförmigen Körper fehlten spricht nicht gegen die Identität, denn derselbe Mangel fand sich in einer Anzahl von Pilzkörnern der beiden genannten Fälle. So haben wir denn das Material beisammen, welches uns die Ueberzeugung verschafft, dass der in Rede stehende Pilz in cariösen Zähnen nisten und von dort aus auf verschiedenen Wegen in den Körper propagirt werden kann. Vergegenwärtigen wir uns, kurz resumirend, den 6ang der auf diesen Punkt gerichteten Untersuchung, so mussten wir bei dem Falle von chronischer Pyämie annehmen, dass der Pilz entweder mit der Respirationsluft oder von der Mundhöhle her in die Lungen eingedrungen sei. In dem zweiten Falle war es der Entstehung
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aaeb mehr als wahrscheinlich, dass der Halsabscess seinen Ursprung von cariOsen Zahnen herleitete, daher auch die in ihm enthaltenen pflanzlichen Organismen. Im letzten Falle gelang es unä endlich noch denselben Pilz in einem unzweifelhaften Oberkieferzahnabscess zu finden. Da uns nun eine grosse Zahl von Untersuchungen ge- lehrt hat, dass in Zabnabscessen dieselben pflanzlichen Organismen vorkommen, wie in den cariösen 2Uihnen selbst, so dürfen wir mit Recht schliessen, dass die letzteren bisweilen die Brutstätten auch für die Pilzform sind, deren perniciOse Propagation im gesaromten Körper wir an der Hand des Py&miefalles kennen gelernt haben. Was lehren nun diese Beobachtungen bezüglich der Rolle, welche die pflanzlichen Organismen in den betreffenden Krankheiten spielen?
Von wesentlichem Interesse ist die Beantwortung dieser Frage bei dem onter dem Bilde der Pyämie verlaufenen Falle, und sollen die nachfolgenden Auseinandersetzungen sich zunächst nur auf ihn beziehen. —
Vor Allem wird an diesem Falle das Eine klar, dass von dem Pilze die Localisation, die topographische Vertheilung der Metastasen bestimmt wird. Wo ein metastatischer Ahscess vorhanden ist, und sei er auch mikroskopisch klein, finden sich constant die Pilzklilmp- chen. Die Auffassung eines solchen Befundes kann eine zweifache sein. Entweder ist zuerst der Ahscess da, und die im Blute cir» cuiirenden Sporen siedeln sich in demselben an, weil sie daselbst die geeignetsten Nahrungsbedingungen finden, — oder der Pilz ist eher da als die Entzündung und Eiterung, und letztere sind als mittelbare oder unmlltelbare Consequenz seiner Anwesenheit zu be- trachten. Diese Alternative war in den bisher beobachteten PySmie- lallen, in denen nur Micrococcen eine Rolle spielten, schwerer zu entscheiden, denn auf die Ubiquität dieser Pflanze- sich sttitzend, nabmea Viele ihr normales Vorkommen im Blut und S&ften des menschlichen Körpers an, und Hessen dieselbe sich überall da üppig eolwickeln, wo aus irgend einer anderen Ursache Entzündungen entstanden, deren besondere Producte geeignet waren, das Fort- kommen der Parasiten zu begünstigen. —
Unser Fall macht eine solche Erklärung hinfällig. Denn zu- nScbst kann bei einem Pilze wie dem unsrigen, den man noch nie gesehen hat, von einer Ubiquität nicht wohl die Rede sein; ferner
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weist die anatomische Uotersuchung exact die Wege aaeb, auf bel- eben die Sporen des Pilzes von den Lungenbeerden aus in die Circulation gelangt sind. Ist somit jede Erklärung der Erscheinun- gen aus der UbiquitHt der Pilze für unseren Fall unbaltbar^ so ist damit nocb nicht die Frage nach der zeitlichen Anfeinanderfbige der Pilzansiedlung und der metastatiscben Entzündungen gelöst. Diese Frage beantwortet unser Fall mit dem bSufigen Befunde von Pilzembolien in den Gtomerulusscblingen der Niere ohne jegliche Entzündung und Eiterung in der Umgebung, — Beweis, dass die Pilze eher da sind, als die Entzündung. Dazu kommt nun die interessante Thatsache, dass Entzündung und Eiterung nur an den Stellen vorbanden war, wo der Pilz Vegetation zeigte in Gestalt von Fäden oder birnenförmigen Conidien, dass dagegen entzünd- liche Veränderungen in der Umgebung stets fehlten, so lange die Pilze auf der Stufe einfacher Kürnchenaggregate verharrten, mochten dieselben auch sehr ausgedehnt sein, mochten sie in BlutgeflEssen, in Lymphbahnen, in Harnkanälen gefunden werden. — Gebt also die Ansiedelung des Pilzes der Entzündung voran, und ist Entzün- dung und Eiterung nur da vorhanden, wo der Pilz nachweisbar höhere Vegetationsformen entwickelt, so darf man mit viel Wahr- scheinlichkeit scbliessen, dass eben die VegeUition der Pflanze eine Bedingung für das Entstehen der Entzündung abgiebt. Immerhin ist der letzte Schluss kein bindender, denn es könnte die durch Import des Pilzes erregte Entzündung solche Producte des Stoff- wechsels erzeugen, dass durch ihre Assimilation die Weiterentwicke- lung der Körnchen zu Fäden und Conidien erst ermöglicht würde. — Wie dem auch sei, sind durch objective Beobachtung drei That- Sachen festzustellen:
1) Wo der Pilz vegetirt, ist Eiterung vorhanden.
2) Nii^end ist Eiterung ohne vegetirende Pilze.
3) Die Ansiedelung des Pilzes in den metastatischen Heerden geht der Entzündung vorauf. —
Daraus folgt, dass das entzündungserregende Moment nur mit den Pilzen in die secundär erkrankten Organe gelangt Ist dem- nach eine pathogene Bedeutung unseres Pilzes für die vorliegende Krankheit nicht von der Hand zu weisen, so geben wir einen Schritt weiter, und fragen, ob wir ihn als den specifischen Erreger dieser Krankheit zu betrachten haben, d. h. ob er und kein anderer
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im Stande ist, ebne Mitwirkung andei^er Noxen dieses Krankheits- bild bervorzobringen. Wie leicbt ersiebtsicb, inuss diese Frage die Anbtoger eines spedfiscben Pyfimiepilzes in ein arges Dilemnaa bringen. Denn während bisher nur der Microcoecus fttr den spe- dfisehen Erzeuger der PySmie prociamirt wurde, bin ich in der Lage, einen ganz neuen Pilz zu präsentiren, der mit mindestens derselben Berechtigung, wie in allen anderen Pyämiefilllen der Microcoecas, verlangen darf, für den speeifiseben Erreger unseres PySmiefalles zu gelten. Wir hätten dann zwei durchaus verschie- dene pflanzliche Organismen, von welchen jeder den gleiohberecb* ügle» Anspruch erbeben könnte als der specifisehe, d. h. der allei- nige Erreger eines und desselben Rrankbeitsprocesses betrachtet zu werden. Das ist, wie Jeder siebt, ein Unding. Es müssen also bei richtiger Gonclusion die Prämissen falsch sein. Entweder ist der vorliegende Rrankbeitsfali keine PySmie, dann dürfte er an^ standßios meinen Pilz als einen fUr ihn specifischen beanspruchen — oder es ist eine Pyümie, dann wäre die gleichzeitige Concurrenz meines Pilzes und des Microcoecus um die Rolle des specifischen Rrankfaeitserregers nur denkbar, wenn mein Pilz und der Micro- coeciK nicht wirklieh verschieden, sondern nur verschiedene Ent- wickelongsstufen derselben Pflanze wSren, — oder endlich die Pflanzen sind wirklich verschieden, und der Krankheitsfall ist eine PySraie, dann darf weder mein Pilz noch der Microcoecus als spe- cifiseber Erreger der PySmie betrachtet werden. — Dass der Krank- heitsfall als protrahirte PySmie bezeichnet werden muss, halte ich fflr zweifellos, sowohl nach dem klinischen Verlauf (unregelmässige Temperaturcurve , multiple irreguläre Schüttelfröste) als nach dem anatomischen Befund (primärer Eiterheerd, multiple eitrige Metasta- sen). Dass der primäre Heerd in der Lunge sitzt, ist zwar selten, aber mehrfach beobachtet. Der sehr protrahirte Verhiuf spricht ebensowenig gegen PySmie, denn die Fälle variiren in ihrer Dauer von wenigen Tagen bis zu mehreren Monaten, wovon ich mich seitist dorch andere Beobachtungen überzeugt habe. —
Ich komme zn der zweiten Möglichkeit, dass der Microcoecus und mein Pilz identische Pflanzen seien, so dass letzterer eine höhere Entwickelnng des ersteren darstellen würde. Die einzige Berechtigung zu dieser Annahme bildet bisher die allerdings unbe- streitbare Thatsache, dass eines der Constituentien meiner Pilz-
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häufen kleioste Körocben sind, die den Microcoecen gteichen« und dass ^ich aus diesen Körnchen die anderen Vegeiationsfornien ent- wickeln. Ich gebe also zu, dass man ein feinstes Körnchen meines Pilzes nicht von einem Micrococuskorn unterscheiden kann; daraus kann ich aber ebensowenig die Identität der beiden Pflanzen er- schliessen, wie ich aus der Aehnliehkeit einer Amöbe mit der Ei- zelle mancher Spongien die Identität der Amöbe und desSehwam- mes folgern würde. Dazu kommt, dass bei dem unendlichen häufi- gen Vorkommen der Microcoecen und den sorgfältigen Züchtungen eine derartige Entwickelungsform nicht beobachtet worden ist. Ich muss daher einstweilen meinen Pilz für einen von dem gewöhn- lichen Micrococcus verschiedenen Organismus halten, und komme somit, bei der Identität meines Krankheitsfalles mit der chronischen Pyämie zu dem zwingenden Schlüsse, dass keine von den beiden Pflanzen der specifische Krankheitserreger der Pyämie sein kann, weil wir sonst zwei gleichberechtigte specifische Ursachen für eine und dieselbe Krankheit haben würden.
Wenn es aber dennoch zweifellos ist, dass den pflanzlichea Microorganismen eine sehr wesentliche Wirksamkeit bei den pyämi- sehen Prozessen zukommen kann, wie wir das fUr unseren Pilz vorher gezeigt haben, wie es für die Schizomyceten vielfach nach- gewiesen ist, so bleibt nur nach Verwerfung des specifiscben Ein- flusses der Microphyten eine Erklärung für die Art ihrer Wirksam- keit übrig, nämlich die, dass sie als Träger und Reproductoren eines Krankheitsgiftes zur Geltung kommen. Eine solche Vorstellung lässt bequem die Annahme zu, dass verschiedene Pilze dasselbe Gift, identische Pilze verschiedene Gifte an sich zu binden ver- mögen. Nur so kann man es verstehen, dass einerseits verschie- dene Microorganismen bei identiscl^en Krankheiten vorkommen kön- nen, wie wir es hier für die Pyämie gezeigt haben, dass anderer- seits dieselben Pilze bei so verschiedenen Krankheiten gesehen werden, wje Pyämie, Halsphlegmone und Oberkieferzahnabscess. Für die Microcoecen wissen wir bereits, dass sie sich ebensowohl in den Heerden delctärer pyämischer Prozesse finden können, wie ge- legentlich in ganz gutartigen geschlossenen AbscessenO« wo ihre
*) Siehe Billrolh, Goccobacteria septica p. 89. Billroth and Ehrlich: UDtersucbaogeD über Coccohacteria aeplica. Archiv f. klin. Chlrurisie. X\. S. 408 ff.
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Anwesenheit fUr den Verlauf ein gleichgUliiger Umstand ist. Solche Fälle sind nun von den Vertheidigern der speciiisch verschiedenen Wirkung der verschiedenen Micrococcen so interpretirt worden, dass die Pilze in pyämischen und in gutartigen Abscessen trotz gleichen Aussehens durchaus nicht identisch zu sein brauchen, weil bei der Kleinheit der Objecte etwaige Unterschiede der Constitution mit unseren Hülfsmitieln nicht wahrgenommen werden können.
Eine solche Interpretation ist fQr die Micrococcen weder zu beweisen noch zu widerlegen, ist aber 4urehaus nicht anwendbar (Ur solche Fälle, bei denen statt des Micrococcus ein morphologisch so wobl definirter, in makroskopischer und mikroskopischer Er- scheinungsweise so charakterisirter Pilz vorkommt, wie der unsrige. Findet man also ganz denselben Pilz bei drei Krankheiten, die so Terschieden von einander sind, wie ein Abscess am Halse, eine tödtliche PySmie, eine Parulis, so muss man schliessen, dass, wenn überhaupt den Microorganismen eine pathogene Wirksamkeit bei diesen Erkrankungen zukommt, die Art dieser Wirksamkeit eine variable sein muss.
Resumiren wir zum Schlüsse die wichtigsten allgemehien Ge* Sichtspunkte, die sich aus dem Studium unserer Pilzfälle ergeben, in folgenden Sätzen:
1) Das Wachstbum und die Vermehrung der Pilze in den Organen des lebenden Organismus ist nachgewiesen.
2) Es findet eine innige Wechselwirkung zwischen den Vege- lationsprozessen der Organismen und der Entzündung in den me- lastatischen Heerden statt.
3) Die Ansiedelung der Pilze in metasiatisch ergriffenen Or- ganen geht der Entzündung voran.
4) Das Krankheilsgift findet sich vergesellschaftet mit den Pilzen.
m
5) Die Pilze sind aber nicht das Krankheitsgin selbst, denn
6) dieselben Pilze könned sich bei verschiedenartigen Erkran- kungen finden, ebenso wie
7) gleichartige Erkrankungen unter Mitwirkung verschiedener Pilze zu Stande kommen können.
8) Also müssen verschiedene Pilze gleichartige Krankheits- erreger, und dieselben Pilze verschiedenartige Krankheitserreger fixireu können.
ArchiT f. pathol. Anat. Bd. LXXIV. Hft. 1. 4
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Anhang.
Als ich den Eiter der Fülle Jaff^ und Ebenstein und die dar- aus gewonnenen Pilzpräparate Herrn Geheimr. y, Langenbeck zeigte, erinnerte sieb derselbe, im Jahre 1845 zu Kiel eine ähnliche Beobachtung in einem Falle von Wirbeicaries mit Senkungsabscessen gemacht zu haben. Herr Geheimr. v. Langenbeck hatte die grosse Güte, mir die Geschichte des Falles und die bezüglichen selbstgezeichneten Abbildungen zur Publication zu überlassen. Ich sage demselben hierfür meinen verbindlichsten Dank und lasse hier die mir gütigst übergebenen Notizen wortgetreu folgen.
»Fat., ein febr beruDlergekomnieoes lodividaum, wurde am tO. Februar 1845 in das Friedricbs- Hospital zu Kiel aufgenommen. Er ist in dem Grade stupide, dass er Ober die Entstehung seiner Krankheit nichts anzugeben ?ermag. Die won dem Arzte seines Wohnorts eingezogenen Erkundigungen ergaben nur, dass Pat. längere Zeit Ober Schmerzen im Rucken geklagt habe, und dass die an der liokeo Seite des ooteren Dorsal- und des Lambaltheils der Wirbelsäule forhandeoeo Fistel- offnoageo Im Jahre 1844 zum Voncheio gekommen seien.
Fat. sehr abgemagert. Thorax zu beiden Seiten des Stemum eiogesuDkeo. Percossion. ^eigt ausgedehnte Dämpfung in der unteren Region beider Thoraxhälfteo. Oben vesiculflres Athmen, unter der linken Scapula amphorisches Athmen ond Aegophonie. Wirbelsäule scoliotisch mit ConTexitSt nach links. Die unteren fal- schen Rippen der linken Thorazhälfte stark hervorgewölbt. An der Haken Seite der Wirbelsaule fon dem letzteren Dorsal- bis zum 3. Lambalwirbel befindeo sich 4 Rsteloffnnngeo, welche eine massige Eitermenge aastreten lassen. Dem ziem- lich dünnen, übelriechenden Eiter sind rundliche, gelblicli aus- sehende Körperchen von der Grösse der Mohnsamenkörner in grosser Menge beigemischt. Injectionen in die Fisteikanale entleerten stets eine grosse Menge dieser Körper, die wir eine Zeitlang für Beimischung erweichter Tuberkel- massen zu halten geneigt waren. Die mikroskopische Untersuchung zeigte mir aber sofort das Irrige dieser Annahme. Unter dem Deckgläschen leicht comprimirt (Fig. 9) zeigte sich jedes Klömpchen aus feinen, cyltn- drischen, radienartig aneinander geordneten Stäbchen Yon sehr regelmässiger Gestalt ond ziemlich constanter Grösse zusammen- gesetzt, so dass jedes Klumpchen einen sehr sauberen Pilzrasen darstellt. Die cylindrischen Körperchen oder Stäbchen unterschei- den steh von den Eiterkörperchen sehr bestimmt durch eine leicht grfinliche Färbung und eigenthfimliche Lichtbrechung. Zusatz von Essigsäure und Alkalien verändert die Körperchen nicht Ans der Peripherie mancher Pilzrasen treten Thallusfäden hervor, mit deut- licher Gliederung und bisweilen dichotomlscher Verästelung. Das Centrum der kleinsten Pilzrasen besteht aus einer körnigen mit einer öligen Flüssigkeit imprägnirten Masse; viele runde Körperrheo
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TOB ferschiedener Grosse sind bei 450facher Vergrosserong als Spo- Tiü deotlicb zq erkenoen. — Die durcb die FisteldffooDg eingeffibrte Soode fflaoft nicht aof Knocheo. —
18. Min Dach foraasgegangeoeixi Schüttelfrost hat sich Plearopneamonie der linken Seite entwickelt, za der am 24. die ErscbeiooDgen des LongenSdems hinza- tnteo. Tod am 25. März 1845.
a) Ropfbohle. Gehirn arm an Windungen. Zwischen den dfinnen Gyris Ssden sich sehr weite Saici. Pia leicht ahznziehen. Gehimsnbslanz etwas weicher als 10 der Norm. Hirnhohlen erweitert, wie nach frflher bestandenem Hydrops, mit klarem Seram theilwels geföllt.
b) B rasthöhle. Beide Longen in grosser Aasdehnang mit Rippenpleora Terwachaeo. Links zwischen Lange and Diaphragma grosse mit sero-pornlentem Exsodat gefüllte Hohle. In beiden Langen alte tndarirte Stellen; in der linken frische Hepatisation. Glandnlae mediastini geschwollen, donkelroth. Von Toberkeln nirgenda eine Spar. Linker Bronchns bildet eine cylinderformlge Erweiterung. Broochialachleimbaat dunkel geröthet und geschwollen.
c) Bauchhöhle. Leber sehr gross, besonders der linke Lappen, welcher den Hagen in senkrechte Stellang gedrSngt hat. Milz gross, brQchig. Schleimhaut des Magens zeigt eine alte slrahlige Narbe. Glandulae Mesenterii geschwollen, ohne Ttoberkelablageruog. Wirbelkörper ton den unteren Dorsalwirbeln an bis zum Promootoriam cariös. Fascia longitudinalis anter. ist Tom Promontorium bis ober- halb das Diaphragma ?on den Wirbelfcörpem abgehoben und In eine brüchige er- weidite Maaae Terwandelt. Der zwischen Wirbeln und Fascia befindliche Raam ist mit einem Brei ausgefüllt, welcher forzugsweise aus den gelben Klumpchen (Pitzraseo) und wenig Eiter besteht. Die Löcher der wie wurmstichig aussehenden Wirbelkörper sind mit den Pilz- rasen follstlndig ausgefSlIt. Im ersten Lendenwirbel befindet sich eine wallnassgrosse cariöse Höhle, welche mit Pilzrasen und einem Id Exfoliation begriffenen Sequester gefüllt ist. —
An der linken Seite ist die Eiterhöhle mit der linken Niere in Berührung und setzt sich bis zu der stark verdickten Pleura fort. Die offenbar zu yerschiedenen Zeiten vorhanden gewesenen Pleuritiden mochten von der Wirbeleiteruog ausgegangen sein.*
Ein Blick auf die Abbildungen der Figur 9, welche die von Herrn Geheimr. v. Langenbeek beobachteten Pilze darstellen, genügt, um ihre Identität mit den meinigen zu erkennen. Das was V. Langenbeek als „cylindriscbe Kdrpercben von eigentbUmlicher Lichtinrechung^ bezeichnet hat, entspricht meinen „birnen- oder keulenförmigen Körpern*^. Es erhellt ebenso aus der Zeichnung, dass der Modus der Sprossung und Längsspaltung dieser Körper identisch ist mit den von mir gesehenen Formen (vergl. Fig. 9d mit Fig. 6 c). Endlich ist Form und Verzweigung der FSdcn ganz entsprechend derjenigen in meinen FSllen.
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ErkIfiruDg der Abbildungen.
Tafel 11 — V.
Fig. 1. a Ein kleines Stück von einem mohnkorngrossen Piixkorn aus einem sub- cutanen Abscess (Fall JaflTd). Vergr. 750. b Uoiirte verzweigte Faden. Vergr. 750.
Fig. 2. Fragment eines Pilzkorns aus der Lunge, stark zerdrückt (Fall Jaff^). Vergr. 1100. a Faden, b Birnenförmige glanzende Körper, bei c dieselben rosettenartig angeordnet.
Fig. 3. Aus einem Pilzkorn der Lunge (Fall Jaff^). a Faden, welche an einem Ende starker lichlbrecbend werden und ein wenig anscbwelleo. Vergr. 750. b Endstandige Anschwellung der Faden zu birnenförmigen Körpern (Coni- dien). Vergrösserung bei den mit einem * bezeichneten Eiemplaren 1100, hei den übrigen 750. bf Freie (vom Faden losgelöste) birnenlonnife Körper. Vergr. 750. c Ci Quertbeilung birnenförmiger Körper und Ab> schnQrnng endstandiger Zellen von den Faden. Vergr. bei c 750, bei Ci 330. d Sprossung und scheinbare Langsspaltung der Conidien. Vergr. 750. e e* Geplatzte birnenförmige Körper, deren glänzender Inhalt ausgetreten Ut, und deren Membran zurückgeblieben ist, bei e' sind die Rander des Bisses in der Kapsel nach innen gerollt. Vergr. 750. f Platzender bimeo- förmiger Körper, der feinkörnige Inhalt tritt an 2 Stellen aus. Vergr. 750.
Fig. 4. Sprossende (scheinbar langagespaltene) Conidien aus der Lunge (Fall Jaffe). Vergr. 330.
Fig. 5. B Kleines Fragment eines mohnsamengrossen Pilzkorns aus einem Abscess am Halse (Fall Ebenstein). Vergr. 1100. An der Peripherie bei a bimeo- förmige Körper (Conidien) in Pasteur'scher Flüssigkeit ans dem Rasen bervorgewachsen , bei ß Querlheilnng derselben, b Abschnumng endstan- diger Zellen von den Fäden. Vergr. 1100.
Fig. 6. Theilungs- und Sprossungsvorgange der birnenförmigen Körper aus einem Abscess am Halse (Fall Ebenstein). Vergr. der mit * bezeichneten 1100, ^ der übrigen 750. a Beginnende Quertbeilung. b Vollendete Quertbeilung. c Complicirte Formveranderungen durch Sprossung. d Sprossong combinirt mit Quertbeilung. di Stellt die Veränderungen des bei d gezeichneten Körpers dar nach zweitägiger Züchtung in Pasteur'scher Flüssigkeit, beste- hend in Sprossung eines neuen Zapfens, Quertbeilung eines schon vorhan- denen, Abschtttirung einiger Zapfen von der Basis, Zerklüftung der letzteren.
Fig. 7. a Zerfall der glanzenden Körper durch Sprossong, Abschnüroog nod Zer- klüftung in unregelmässige Aggregate glänzender Körner and Schollen. Vergr. 1100. b Ans einem Halsabscess (Ebenstein). Haufen von birnen- förmigen Körpern untermischt mit gröberen glanzenden und feinen blassen Körnchen, aus welchen Faden hervorwachsen fon welchen zwei endstandige Sporen abschnüren. Ve^gr. 11 00.
Fig. 8. Mycelßden, endstandige and seitliche glänzende Sporen abschnürend, au« deren Proiiferalion Haufen blasser Körnchen hervorgehen. Vergr. 1100.
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Flg. 9. PiliiHBeo aas einein Senkungsabscess nach Caries der Wirbelsäule und aus den cariosen Wirbeln seibat. Vergr. von c 68 (?) von d 420.
Rf. 10. Endothelien aus neugebildeten cavemosen Lympbräumen in pleurilischen Schwarten (FallJaffe). a Vergr. 160. b Nach Essigsflurezusatz, Vergr. 330.
Rg. 11. Aas einem Milzabscess (Fall Jaff^). Eiter von Mycelfaden durchwachsen (nach Zusatz von Kalilauge). Vergr. 600.
Fig. 12. Ein kleinster Püzbanfen aus einem Nierenabscess (Fall Jaffe). Vergr. 750. Im Cenirom ein Kornchenhaofen, von dem radiäre Faden ausstrahlen ; links ao der Peripherie sprossen glänzende birnenförmige Körper hervor: das Ganze eingebettet in Elterkörperchen.
Flg. 13. Schnitt durch einen Nierenabscess (Fall Jaffö) nach Erhärtung in Alcohol. abs. Vergr. 90. a Eiter, b Pilzklompen nicht vom Schnitte getroffen, c Durchscboitt durch 2 Pilzhaufen, erscheint bei der schwachen Vergrosse- nmg matt, fast homogen, am Rande unisSnmt von den glflnzeoden bimen- förmigen Körpern, d OorchscboUt durch einen Pilzhanfen mit regelmässigem scharfen Contur; Im Innern ans feinsten Körnchen zosammengesetzt, von der Peripherie, welche der Wand eines präformirten Hohlraums zu ent- sprechen scheint, strahlen radiär Ffiden ans (di).
Flg. 14. Glomernlos aus der Niere (Fall Jaffa). Vergr. 1100. Bei a promlnirt eine stark dilatlrte Gefiissschlinge mit glänzenden feinsten K5rochen Infar- cirt über das Nivean des Glomemlas«
Fig. 15 0. 16. Pilzembolie in einen Pfortaderast (Fall Jaffd). Fig. 15 Vergr. 70, Flg. 16 Vergr. 90. a Pfortaderast, eitergefüllt. P Pilzklompen (Fig. 15 natürliche Farbe), b Gallengangsdurcbscboitt. c Querschnitt eines Astes der A. hepatica. d Glisson'sche Kapsel, bei dj von Eiterkorpern durch- setzt e Verfettete Leberzellen. In Fig. 16 hat die Eiterung um den embolischen Pilzklompen die Grenzen der Pfortader fibenehritten.
Hg. 17. 18. 19. Verschiedene Pilzformen aas einem Sabmaxlllarabscess (Fall Meyer).
Flg. 17. Fragment eines brflnolich gefärbten mohnsamengro8Mo Kornes, welches ans Säckchen und einer körnigen Zwischenmasse zusammengesetzt war. Vergr. 90.
Flg. 18. Fragment eines mohnsamengrossen Kornes, von durchweg gleicher Zusam- mensetznng. Vergr. 100. a Zarte ungekammerte Schlauche mit sehr blasskomigem Inhalt b Zu Schiflachen aneinandergereihte Zellen mit kömigem Inhalt, c Schläoche, in welchem der stflrker licbtbreehende feinkörnige Inhalt in ziedilich regelmässigen Zwischenräumen dnrch helle dorchsicbtige Querstreifen unterbrochen wird, d Elterkörperchen.
Flg. 19. Ein Stuck von der Oberflflchenschicht einer mohnkorngrossen Pilzcolonie. Vergr. 480. Das Centrum besteht aas einem Lager feinster blasser Köm- chen (a), ans welchem nach allen Richtongen des Raumes theils Kömchen« reihen, theils gegliederte, theils einfache feinste Fäden henrorwachsen, welche am peripheren Ende Zellenreiben tragen.
54
111.
Ueber die Resorption der Kalksalze.
(Aus dem chemiscben Laboratorium des palboIogischeD lostitotes zo Berlio.)
Von Dr. Leopold Perl,
Docenten an der Univenll&t xa Berlin.
Ueber die Bedeutung, welche die in den Organismus einge- führten Kalksalze in therapeutischer Beziehung haben, über die Wirkung, die sie auf bestimmte Krankheitsprozesse auszuüben ioi Stande sind, divergiren nicht nur die Erfifhrungen der Aerzle, soa- dern auch die Anschauungen der Chemiker, die dieser Angelegen- heit ihre Aufmerksamkeit zugewendet haben. Von der einen Seite wird den Kalksalzen, abgesehen von einer etwaigen localen Ein- wirkung auf Schleimhaut, Absonderung und Inhalt des Darmtractus, jede Beeinflussung des Ernährungszustandes der Orgaue und jede Allgemeinwirkung abgesprochen ; von der anderen Seite werden sie als wirksame Mittel zur Heilung wichtiger und schwerer Allgemein- erkrankungen, zur Beseitigung sogenannter Dyscrasien, gerühniL Die Einen leugnen jedwede, oder doch eine irgendwie in Betracht kommende, Resorption der Kalksalze von der Darmschleimbaut aus, während die Anderen eine solche fQr durch das Experiment oder die tägliche Erfahrung bewiesen erklären.
Besondere Wichtigkeit erlangt dieser Widerstreit der Meinungen bei der Therapie der Rhachitis, Zwar die ältere Anschauung, die sich auf Ftttterungsversuche an Thieren, ferner auf die Zunahme des phosphorsauren Kalkes im Harne rhachitischer Kinder, sowie auf den chemischen Nachweis eines relativ geringen Kalkgehalles der Knochen rhachitischer Individuen stützt, eine Anschauung, welche lediglich in der mangelhaften Zufuhr und Aufnahme von Kalksalzen in den Organismus oder in der pathologisch gesteigerten Ausfuhr derselben das Wesen der Rhachitis sah, wird in ihrer Aus- schliesslichkeit jetzt wohl kaum noch Anhänger zählen, seit wir durch die anatomischen Untersuchungen, namentlich von Kölliker, Virchow und H. Meyer, erfahren haben, üass es sich bei der
55
rbicbilischen KnocheiierkraDkuiig auch um wichtige bistologiäcbe Veränderungen handele; aber neben dieser eigenthUmlicben ao«U>- mischen Veränderung der knochcDbildendeh Gewebe bleibt doch das Kalkdeficit der Knochen, resp. des Organismus, nicht minder patbogDomonisch fUr die uns beschäftigende Krankheit. Wegner') bat ao Thieren durch Darreichung kleiner Dosen von Phosphor, welche die für Rhachitis charakteristischen histologischen Verfinde« rungeo der Epiphysen hervorrufen, in Verbindung mit der Ent- ziehung von Kalk in der Nahrung, eine wahre Rhachitis experimen- tell zu erzeugen vermocht. Wie ein rother Faden ^zieht sich nun durch die Therapie der Rhachitis immer wieder die Empfehlung von Kalksalzen, theils des kohlensauren, theils des phospborsaureo Kalkes, theils endlich der Coinbination von beiden. Während aber einzelne Autoren, z. B. Stiebel'), den Kalk vorwiegend in der Absicht geben, um durch ihn die überschüssige Säure, welche zur Lösung der Kalksaize des Organismtis führe, zu binden und un- scfaädlidi zu machen, sprechen es Andere, wie z. B. in neuester Zeit Senator'), mehr oder minder entschieden aus, dass man mit der vermehrten Einführung des Kalkes auch noch der nachge- wiesenen Kalkarmuth der rhachitischen Knochen zu Hülfe koouuen könne.
Nicht mindere Bedeutung bat die uns beschäftigende Angelegen- heit für eine baineologische Frage, nehmlich für die nach dem Üierapeutischen Wertb der sogenannten erdigen Mineralquellen. Die kleine Gruppe der hierher gehörigen Wässer ist charakterisirt durch geringen Gehalt an festen Bestandtheilen, unter denen, neben Magnesia, namentlich Kalk vorwiegt, und zwar theils an Schwefel- säure gebunden, theils in Verbindung mit Kohlensäure und als solche durch die freie Kohlensäure des betr. Wassers in Lösung erhalten. Unter diesen Mineralquellen befinden sich einige, denen, trotz aller zulässigen und so schwach mineralisirten Wässern gegen- über doppelt gebotenen Skepsis, die ärztliche Erfahrung einen un- zweifelhaften therapeutischen Effect zuerkannt hat: ich erwähne namentlich Lippspringe und Wildungen. Es liegt nahe, die Einwirkungen dieser Wässer auf den Organismus mit ihrem Ge-
>) Dieses Archif Bd. 55. S.U.
*) Vlrchow's Hndbach der spec. Pathol. a. Therapie. Bd. I. S. 543.
*) Ziemssen's Handbocb der spec.Patbol.u. Therapie. 13. Bd. I.Hälfte. &193.
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halte an Erden in ursSSehlichen ZusaofinieDbang zu bringen, und namentliob Beneke^) hat betont, dass durch den Genuss dieser Wfisser dem Organismus täglich nicht unbeträchtliche Mengen Kalk und Magnesia zugeführt werden, und dass sie deshalb überall da indicirt sind, wo der Körper erhebliche Verluste an Erdphosphaten erlitten hat. Nachdem in neuester Zeit Senator*), in Bestätigung ülterer Angaben von Beneke, wieder darauf hingewiesen hat, dass bei Zehrkrankheiten, speciell bei der Phthisis, eine abnorm starke Ausscheidung von Kalk durch den Harn stattfindet, können die Versuche, einey Theil der unleugbaren antiphthisiscben Wirkungen der Lippspringer, ziemlich kalkreichen, Quelle auf eben diesen Kalk- gehalt zu beziehen, als nicht ganz unbegründet bezeichnet werden. Man kann diese Vermuthung aussprechen, ohne doch, wie es in einer Brochure des Lippspringer Badearztes Dr. Dam mann*) ge* schiebt, es mit dem Verfasser fUr sehr „wahrscheinlich'^ zu halten, „dass die andauernde Verminderung des Kalkgehaltes des Blutes das wesentlichste disponirende Moment und mit die eigentliche bu- morale Grundlage der Lungenschwindsucht bilde^. — Allerdings würden die therapeutischen Schlüsse, die auf der Annahme einer Resorption Ton Kalk aus den betr. Mineralwässern basiren, gänz- lich erschüttert werden, wenn sich die Ergebnisse der Versuche von Gaulet^) bestätigen sollten. Nach diesem Autor wird der Harn, nach dem Genüsse eines kalkreichen Mineralwassers, zwar alkalisch, aber nicht in Folge eines vermehrten Kalkgehaltes, son- dern durch Steigerung des Gehaltes an Natron. Die Erdsalze des betr. Mineralwassers sollen nehmlich im Magen den Magensaft neu- tralisiren, dadurch eine Säureentziehung und eine relative Alkali- vermehrung des Blutes bedingen, aus welcher dann die Absonde- rung eines alkalischen Harnes resultirt; um eine Resorption der Erden würde es sich hierbei ^ar nicht, oder doch nur in ganz nn- beträchtlicbem Maasse, handeln.
Wie man also auch in dieser Frage stehen mag — ob man der Ansicht ist, dass selbst bei ausgesprochenem Kalkdeficit des
') Vergl. Q. A. dessen » Balaeologische Briefe". Marbarg u. Leipzig 1876. & 151. «) Berl. kÜD. Wochenschr. 1877. No. 40. S. 584. *) Der Kurort Llppsprioge etc. 2. Aufl. Paderborn 187A. *) De la suralcalisatioD du sang et des arines sons rinfloeoce de It oliaiix et de la inagndsie. Bullet, de thdrapentique. 1875. p. 349 flgde.
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Orgaoismus der Kalkgehatt der Nahrungsmittel zur Deckung des- selben genQgt, oder ob man auf die Analogie der Chlorose hin- weist, wo, bei nachgewiesener Verminderung des Eisengehaltes des Blutes, der in der Norm genügende Eisengehalt der Nahrung nicht ausreicht, vielmehr noch die Darreichung pharmaceutischer Eisen- prSparate, nach allgemeiner ärztlicher Erfahrung, dringend indicirt ist — die Cardinalfrage, die zu beantworten ist, lautet: gelangt der Kalk, bei innerlicher Darreichung von Kalksalzen, Oberhaupt zur Resorption? Als Zeichen der erfolgten Resorption der Kalk- salze wird man bei einem normalen Organismus die vermehrte Aus- scheidung von Kalk durch den Harn anzusehen haben. Ueber diesen Punkt aber differiren die Angaben der Autoren, wie schon oben erwähnt ist. Nach Neubauer^) gehen Kalksalze gar nicht oder höchstens nur in sehr geringen Mengen in den Harn Qber. Pacquelin und Jolly*) halten die sehr geringe Resorbirbarkeit des phosphorsauren Kalkes für erwiesen und sind der Ansicht, dass der Gehalt des Harnes an diesem Salze durch eine erst in der Blase*) erfolgende Wechselwirkung der phosphorsauren Salze und Kalktelze entstehe. Dagegen hat RieselP) bei Versuchen mit Einführung von kohlensaurem Kalk, die er an sich selbst, und zwar behufs Beantwortung einer anderen Frage, anstellte, eine starke Resorption des im Darmkanale reichlich gebildeten phosphor- sauren Kalkes gefunden. Ebefiso hat Soborow*) bei Fütterungs- versuchen mit Kreide, denen er zwei gesunde Männer sowie einen Hund unterwarf, eine beträchtliche Vermehrung des Kalkgehaltes des Urines constatirt, eine Vermehrung, die sich sehr rasch nach Aussetzen der Kreidefütterung wieder verlor.
Bei diesem Widerstreit der Angaben hielt ich es für gerathen, der Beantwortung dieser Frage experimentell näher zu treten, und
*) Neabaaer nnd Vogel, Harnanalyse. 7. Aufl. S. 153.
^ Note aar Torigine du phosphate de chaax dllmind par les foiea arinairet, in
Fraoce m^d. 1876. No. SOo. 81. *) oder, wie Salkowaki in aelnem Referat (Centralbl. f. d. med. Witaenacb.
1877. No. 3) corrlgirend bemerkt: «bei der Secretlon des Harnes*. ^) Üeber die Pbosphorsaure-ADSscheidang im Harn bei Einnahme von koblen-
aanrem Kalk, in Hoppe-Seyier's medicinisch-cbemischen Dntersuchangen,
1868. Hft.3. S.319. *) Centralbl. f. d. med. Wiaaensch. 1872. No.39.
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stellte zu diesem Beftiufe Versuche im chemischen Laboratorium des hiesigen pathologischen Institutes an; bei denselben hatte ich mich des stets bereitwillig ertheillen Rathes des Herrn Prof. E. Salkowski zu erfreuen, dem ich auch an dieser Stelle meinen verbindlichsten Dank ausspreche.
Unter den zu diesen Versuchen zu verwendenden Kalksalzen erschienen, ihrer leichten Löslichkeit halber, der salpetersaure Kalk sowie das Chlorcalcium besonders geeignet. Ich wählte das letztere Salz, namentlich mit Rücksicht auf die leichte Nachweisbarkeit seines Säurecomponenten im Harn '). Als Versuchsthier diente eine kräftige, gut genährte Hündin von ca. 22 Kilogr. Gewicht
In einer ersten Versuchsreihe wurde nun der Hund auf eine bestimmte, gleichmässige Diät gesetzt: er erhielt innerhalb 24 Stun- den, jedesmal zu derselben Zeit, 150 Grm. Brod, 50 Grm. Speck, 50 Grm. condensirle Milch, 300 Gem. destillirtes Wasser')« Be- hufs Gewinnung der 24 ständigen Harnmenge wurde die Blase 1^2 mal täglich mit dem Katheter entleert und mit lauwarmem Wasser ausgesptllt. Im der 24stUodigen Harnmenge wurde be- stimmt:
a) Der Harnstoff nach der Liebig'scheo Methode.
b) Der Kalk nach der ?oii Neobaoer angegebeDeo Methode. Za dieacm Bebofe wurde eine abgemeaseDe Menge Harn mit Ammoniak alkaiiacb gemacht, der Niederschlag von pbospborsaarem Kalk mit ^sigsäure zur Lösung gebracht, durch oxalsaures Ammoniak der Kalk als oxalsaurer gefällt, durch ein entkalktes Filter filtrlrt, gut ausgewaschen, das getrocknete Filter mit dem Niederschlag im Platin- tiegel verbrannt. Der so entstandene kohlensaure Kalk und Aetzkalk wurde mit Wasser in ein Köibchen gespült und mit einer bestimmten Menge einer titrirteo
') In der Sitzung der Berliner medicloischen Gesellschaft vom 13. Juni 1877, in welcher ich über einige meiner Versuchsergebnisse eine kam beiläufige Mittheilung machte, hat, wie ich bei Einsicht des betr. Sitznngsprotocolles (Berl. klin. Wochenschr. 1877, No. 46, S. 680) nachträglich ersah, Herr Prof. Liebreich gegen meine Versuche den Einwand erhoben, dass das Chlorcalcium sich wegen seiner stark wasseren tzlehen den und filzenden Eigen- schaft für das Studium über die Aufnahme der Kalksalze nicht eigne. Dieser Einwurf basirt jedenfalls auf der, vielleicht durch die RQrze meiner Mitthei- lung bedingten, miasverstandlichen Annahme, dass ich jenes Salz in Sobstant verfuttert habe, wahrend ich dasselbe doch in sehr verdünnter Lösung, welche jede locale Einwirkung auf den Darmtractus ausschloss, der Nahrung zu- gesetzt habe.
1) Die condensirte Milch, einer und derselben Bflchse entnommen, wShite ich wegen ihrer constaoten Zusammensetzung. Vergl. öbngena Ober dieaea Falter- gemisch: E. Salkowski In der Zeitacbr. f. phys. Chemien L S. 43.
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Sakaaim envirml; nach ZiuaU ton Lakmastioctur warde mit eiaer litrirten ?ia(rooiaDge der nicht dorch Kalk gesättigte Theil der Salzsäure zorucktitrirt.
c) Die Chloride. Zor Bestimmung derselben wurde eine abgemessene Menge Barn mit Salpeter auf dem Wasserbade zur Trockne eingedampft, geschmolzen, ond io der Schmelze nach der Nohr'schen Methode, durch Titrirong mit salpeter- taarem Silberoxyd, nnter Zusatz fon chromaaurem Kali, der Gehalt an Ghloridea beatU]mL
Zum VerstSodniss der folgenden Tabelle bemerke ich, dass das verfütterte Ghlorcalcium = GaCl, -f'^H^O bier als wasserfreies berechnet ist; dass die 24 stündige Harnmenge den wirklieb secer- Hirten Harn plus dem zur Blasenausspülung verwendeten Wasser umfasst; sowie, dass die ursprUnglicb als Cbloruatrium berecbneten Chloride wieder auf Gbior zurUckgerechnet wurden.
Versachsreihe I. Hund von circa 22 Kilo Gewicht. Futterung mit 130 Brod, 50 Speck, 50 condensirter Milch, 300 Aq. destill.
|
DatoiD. |
GaCI, dem Fntter zugesetzt. |
Harn* menge in Gem. |
Spec. Gew. des Hania. |
Harnstoff. |
Kalk (CaO) im Harn. |
Chlor im Harn. |
|
29. JoBi |
0 |
180 |
1046 |
14,40 |
0,037 |
1,53 |
|
30. . |
0 |
130 |
1046 |
15,50 |
0,022 |
1,33 |
|
I.Joll |
0 |
nicht |
unter |
sucht. |
||
|
2. - |
0 |
215 |
1030 |
14,20 |
0,032 |
1,55 |
|
3. . |
0 |
380 |
— |
11,25 |
verloren |
1,55 |
|
4. - |
0 |
230 |
1026 |
13,30 |
0,024 |
1,55 |
|
5. - |
0 |
235 |
1025 |
14,10 |
0,020 |
1,60 |
|
6. . |
1,797 |
258 |
1026 |
15,38 |
0,048 |
2,63 |
|
7. - |
2,246 |
585 |
— |
9,80 |
0,088 |
2,88 |
|
8. - |
3,145 |
565 |
— |
9,10 |
0,126 |
4,25 |
|
9. - |
0 |
500 |
-— |
7,30 |
0,038 |
2,09 |
|
10. - |
0 |
300 |
— |
7,68 |
0,025 |
2,07 |
Bine genaue Betracbtung dieser Tabelle ergiebt Folgendes: 1) An den* Tagen der Fütterung mit Ghlorcalcium finden wir eine oBzweifelbafte Zunahme der Kalkausscheidung im Harn, wenn dieselbe aueh nur einen geringen Brucbtbeil des mit dem GaGI, aufgenommenen Kalkes darstellt. Mit voller Schärfe lässt sich der resorbirte und im Harn ausgeschiedene Antheil nicht berechnen; denn wenn auch die Zufuhr von Kalk vermittelst der Nahrung sicher nahezu Consta nt ist, so ist derjenige Antheil von Kalksalzen, welchen der Körper selbst durch die Zersetzung der stets kalk- haltigen Gewebe liefert, nicht an allen Tagen derselbe. An den der Kalkftttterung vorhergehenden Tagen hat, nach Ausweis der
60
Harnstoffausscheiduiig, ein grösserer Eiwcisszerfall stattgefunden, als an den Kalktagen; dem entsprechend ist auch eine grössere Menge Kalk frei geworden, welche den Körper verlässt, und zwar zum grossen Tbeil durch den Harn. — An 5 der KalkfQtterung vorhergehenden Tagen sind im Ganzen ausgeschieden 0,135 Grm. Kalk, an den 5 folgenden, unter Ghlorcalciumeinfluss stehenden, 0,325 Grm.; es kommen also 0,190 Grm. Kalk auf Rechnung des GaGlg, und zwar, aus den erörterten Gründen, mindestens so viel, wahrscheinlich aber mehr. Eingeführt sind im Ganzen 7,19 GaCI^, entsprechend 3,627 Kalk; somit sind resorbirt und durch den Harn ausgeschieden etwa 5,2 pGt.
2) Eine sehr auffällige Vermehrung zeigt das Ghlor an den Futterungstagen. Die Gesammtausscheidung an den 5, unter Ghlor- calciumeinfluss stehenden, Tagen betragt 13,92 Grm., an 5NornEial- tagen 7,78 Grm. (wir eliminiren hierbei die Zahl 1,33 fUr den 30. Juni, die sich zu auffallend von den Ubrigea Werthen entfernt); Differenz, auf das CaCl, zu beziehen, 6,14 Grm« Dem eingeführten GaGl, würden nur 4,598 Grm. Ghlor entsprechen; es findet sich aUo säuimtlicbes Ghlor des GaGl, wieder und noch ein erheblicher Ueberschuss.
Dieses auffällige Ergebniss war die Hauptveranlassung zur An- stellung eines zweiten Versuches an demselben Hund bei Stickstoff- gleichgewicht. Es sollte durch diesen Versuch gleichzeitig festge- stellt werden, dass die Kalkmenge, welche nach den Ergebnissen der ersten Versuchsreihe als nicht resorbirt erscheint, sich in der That in den Fäces wiederfindet. Der Hund wurde, nachdem er zuerst eine geringere Menge stickstoffhaltiger Nahrung erhalten, schliesslich bei einer Ernährung mit 450 Grm. Pferdefleisch, 70 Grm. Speck, 300 Gem. destillirten Wassers pro Tag in's Stick- stoffgleichgewicht gebracht (der der eingeführten Stickstoffmenge entsprechende Harnstoff betrügt 32,8 Grm. pro die); in den 4 Tagen vom 17. bis 20. October incl. wurden dieser Nahrung
9,52 (GaGl, 4- 2^2^) =='7«^ 3 ^>*i°* ^^^^ zugesetzt.
Im Haro wardeo bestimmt:
1) Harnstoff.
2) Kalk.
3) Chloride.
4) Kali Qod Natron. Behufs letzterer Bestimmung wurde eine abgemessene Quantitftt Harn eingedampft nnd verkohlt, die Kohle mit heissem salUiareiialtigem
61
Warner tUnlürl, darcb ein entkalktes Filter filtrirt aod aosgewaseheD; das Filter oit d«r ruckslSodigeo Kohle in der rtatlnacbale vottstindlg ferbraoot, die Asebe fai ffrdOnoter Salzsäure geldit und dem Filtret zugesetzt Letzteres mit BaryÜosQDg jmilschty filtrirt; aas dem Fittrat der uberscbussige Baryt durch Ammoniak und koblensanres Ammoniak geftllt, filtrirt, Filtrat eingeengt, nach Znaatz einiger Tropfen too ozalsaarem. Ammoniak wiederum filtrirt. Das Filtrat wird in einer PlatiDsebale eingedampft und* die Ammoniaksalze durch gelindes Glühen f erjagt; der Rückstand in Wasser gelost, in eine gewogene Platinscbale filtrirt, eingedampft, füliode geglüht und gewogen; die Trennang des Chlorkalium und Chlomairium vorde in der gewohnlichen Weire durch Plattnchlorid bewirkt.
Die Faces wurden getrocknet, gewogen und fein gepultert. Behufs der Kalk- Iwstimmong wurde eine abgewogene Menge derselben mit beissem salzsaurebaltigen Wasser eitrahirt, filtrirt; der Kuckstand nebst dem Filter ferascht, nochmals mit Salzsäare eztrabirt, filtrirt. Das Gesammtfiltrat wurde mit Ammoniak und Essigsaure Tenetzl, tom pbosphorsaoren Eisenozyd abfiltrirt, der Kalk mit oxalsaurem Am* Doniak gefiült.
Im Filtrat Tom oxalsaoren Kalk worden die Alkalien bestimmt.
Zur Bestimmung der Chloride wurde eine abgewogene Menge der Fices mit «ncr coocentrirten Losung von kohlensaurem Natron Gbergossen '), eiogedampfk, Beilade gegifibt; die Kohle mit beissem Wasser eztrahirt, filtrirt und aoagewaschen; ik rückslittdige Kohle nebst dem Filter verascht, die Asche mit beissem Wasser ntrahirt, filtrirt und ausgewaschen. In dem Gesammtfiltrat, das mit Essigsaure ichwach angesäuert wird, werden durch Titrirung mit salpetersaurem Silberoxyd, DOter Zosatz von chromsaurem Kali, die Chloride bestimmt.
Tabelle II enthält die für den Harn, Tabelle 111 die fOr die FUces gefundenen Werthe.
Ja belle IL Ausscheidung durch den Harn. Fütterung mit 450 Grm. Pferde- Ofiscb« 70 Grm. Speck, 300 Gem. destillirten Wassers.
|
Datum der |
Futter. |
Harn- |
Harn- |
Kalk. |
Chlor.* |
Alkalien, und zwar als Chlor- Chlor- |
|
|
Fülle- |
menge '). |
Stoff. |
• |
kaliom. |
natriom. |
||
|
rang. |
|||||||
|
13.0ct. |
l |
400 |
33,6 |
||||
|
U. - [ Das ge- 15. - wohnliche |
450 450 |
32,6 32,4 |
1 0,260 |
4,969 |
12,108 |
3,332 |
|
|
16. . |
600 |
32,2 |
) |
||||
|
17. - 18. - 19. . |
Dasselbe + 7,19 CaCI, |
600 600 600 |
32,4 33,6 33,2 |
0,324 |
8,835 |
13,265 |
4,235 |
|
20. . |
600 |
33,6 |
) |
||||
|
2t. . |
Das ge- wöhnliche |
450 450 |
32,6 32,6 |
0,168 |
3,386 |
6,366 |
2,310 |
>) Veisl. Bonge, Zeitschr. für Biologie. Bd. 10. S. 297. *) NB. Die Zahlen in dieser Columne geben die nach AusspGlung der Blase «rhaltenen ood dureH Wasserzosatz abgerundeten Totalmengeo.
62
Tabelle III. Amecheidoog darcfa die fUcee bei derselben FdtteniBg.
Datam der FflUeroDg.
Älkalleo, and zwar als Chlor- Chlor- kaliom oatriam.
Periode I (13.-16. incl.)
Periode U (ir.— W. incl.)
Periode III (2 t. and 22.)
Das gewohnliche 1,170
Dasselbe 4,630 -1-7,19 CaCl,
Das gewohnliche [ 0,480
..0,078
0,105
0,066
0,139 0,126 0,058
0,205 0,057 0,103
Unterziehen wir zunächst diese Tabellen einer gesonderten Be- trachtang.
Die Kalkausscheidung durch den Harn beträgt an den 4 Nor- niailagen 0,260 Grra., an den 6 auf die Ralkfatterung zu beziehen- den Tagen: 0,324 + 0,168 => 0,492 Grm. Die nornlale Ausschei- dung an 6 Tagen würde betragen 0,390 Grm., es sind also aaf die Kalkftttterung zu beziehen nur 0,102 Grm. Eingenommen sind in 7,19 Ca Gl, 3,627 Aetzkalk, somit ist nur etwa der 36. Theil der eingeführten Kalkmenge zur Ausscheidung durch den Harn gelangt.
Betrachten wir nun die Ausscheidung des Chlors, so finden wir wesentlich andere Verhältnisse. Die normale Ausscheidung von Gl an 4 Tagen betrug 4,969 Grm., die Ausscheidung an den Kalk- tagen 8,835 + 3,386 = 12,221 Grm. Als normale Ausscheidung an 6 Tagen ist zu betraehten 7,4535 Grm.; somit sind an den Kalktagen mehr ausgeschieden 4,7675 Grm. Mit dem Kalksalz eingeführt sind nur 4,598 Chlor; es findet sich somit alles Chlor des eingeführten Chlorcaleium im Harn wieder und noch ein relativ geringes Plus von 0,1695 Grm.
Dem entsprechend zeigt nun auch die Bestimmung der Alkalien, dass dieselben an den Kalktagen in vermehrter Menge ausgeschie- den sind. An 4 Normaltagen sind ausgeschieden 12,108 Grm. KCl und 3,332 Na Gl. Rechnet man beide Werthe auf Natrium um, so ergiebt sich für die 4 Normaltage eine Ausscheidung von 5,043 Natrium, also für 6 Tage 7,5645 Grnu Für die 6 Tage der Ralk- fUtterung berechnen sich in derselben Weise 8,625 Grm.; zieht man hiervon die normale Ausscheidung ab, so bleibt ein Plus von 1,0605 Natnunr, welches 1,637 Chlor binden würde. Bs bleiben
63
somit noch 3,1305 Chlor; davon ist ein unerhebiicher Theil an den im Harn in vermehrter Menge ausgeschiedenen Kalk gebunden, der grösste Theil in Form von Salzsäure ungebunden oder, wie wir weiter unten sehen werden, wahrscheinlich als Chlorammonium aus- geschieden.
Die Kalkausscheidung durch die FSces betragt an den 4 Normaltagen 1,170 Grm., also an 6 Tagen 1,755 Grm.; an den FOttemogstagen betrigt sie 5,110 Grm., also ein Plus von 3,355 Grm. Im Harn mehr ausgeschieden sind 0,102 Grm., im Ganzen also 3,457 Grm. Mit dem CaC), eingeftlhrt sind 3,627 Grm. Ralk; Differenz 0,170 Grm. Der Kalk ist in den Fäces sicherlich zum gr588ten Theil als kohlensaurer enthalten: sowohl die Asche der FSces, als auch die gepulverten Fäces selbst, brausten beim Uebeh* giessen mit Säure. Die Differenz von 0,170 Grm. ist leicht erkltti'- lich, wenn man erwägt, dass zur Erzielung richtiger Zahlen erfor- derlich wäre, dass die zur Analyse verwendete Quantität Fäces eine vollkommen wahre Durchschnittsprobe darstellt, genau ein Abbild der ganzen Menge ist — eine Forderung, die in praxi, namentlich wegen der Durchmiscbung der Fäces mit Haaren, nicht vollkommen zu erfQllen ist.
Die Chlorausscheidung durch die Fäces zeigt gegen die Norr malperiode nur eine unerhebliche Steigerung. Sie betrug an 4 Nor- maltagen 0,078 Grm., also an 6 Tagen 0,117 Grm., an den 6 Kalk- tagen 0,171 Grm. — also Mehrausscheidung 0,054 Grm. Von dem sSmmtlichen, mit dem Chlorcalcium in den Darm eingeführten Chlor ist somit nur ein ganz minimaler Bruchtheil wiederum durch den Darm ausgeschieden, nehmlich etwa der 85. Theil.
Die geringen Schwankungen- in dem Gehalt der Fäces an AI«- kalien liegen wohl in den Fehlergrenzen; eine Steigerung der AI* kaliausscheidong ist daraus jedenfalls nicht abzuleiten.
Wir haben also die höchst auffallende Erscheinung, dass das Chlor des CaCl, im Harn erscheint, der Kalk zum allergrOssten Theil in den Fäces. Wie ist dieselbe zu erklären? Es liegt nahe, daran zu denken, dass das Chlorcalcium durch die alkalischen Secrete des Darmes, namentlich die Galle und den pancreatischen Saft, in kohlensauren Kalk und Chlornalrium zersetzt, der Ca CO, durch den Darm entleert, das NaCl resorbirt ist. Wie kommt es nun aber, dass nicht alle Salzsäure des Harnes an-Natrium gebun-
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den ist, sondern dass, nach Ausweis der analytischen Beatioimun- gen, eine so grosse Menge nicht gebundener Salzsäure sieb im Harn findet? Auch diese Frage lässl sich auf Grund bereits vor- liegender Untersuchungen vollkommen befiiedigend beantworten.
Wenn man einem Hunde Säuren eingiebt, so tritt, wie Gaethgens') gefunden hat, eine vermehrte Ausscheidung von Basen im Harn nicht, oder doch nur in sehr unbedeutendem Grade, ein. Ohne Zweifel wird die eingegebene SSure zum grOssteu Theil im Darm neutralisirt; die kohlensauren Alkalien, welche unter nor- malen Verhältnissen aufs Neue in's Blut zurückkehren, fallen also fort — statt ihrer empfangt das Blut neutrale Salze. Nun geht aus den Versuchen von Gaethgens hervor, dass der Orgam'smus des Fleischfressers nur über einen beschränkten Vorrath von freiem Alkali gebietet. Wird ein erheblicher Theil desselben an einer Stelle neutralisirt, so tritt ein entsprechendes Deficit an einer an- deren Stelle auf, d. h. es. wird mehr Säure durch den Harn ent- leert. In neuester Zeit hat Walter') nachgewiesen, dass diese Säure zum grOssten Theil an Ammoniak gebunden ist, welches bei Säurezufuhr in vermehrter Menge entsteht. Genau so, oder sehr ähnlich wie die Säure wirkt auch das Chlorcalcium.: es nimmt im Darm eine gewisse Menge Alkali fort, das sonst in's Blut zurück- gekehrt wäre. Dem entsprechend muss im Harn freie Salzsäure auftreten oder, wahrscheinlicher, Chlorammonium.
Ein sehr .bemerkenswerthes Factum ist noch, dass die Kalk- ausscheidung des Hundes in dem vorliegenden Versuch, bei Fütte- rung mit Fleisch und Specjc, weit beträchtlicher ist, als der einge- führten Nahrung entspricht. An 4 Normaltagen wurden durch die Fäces ausgeschieden 1,170 Grm., durch den Qarn 0,260 Grm., im Ganzen also 1,430 Grm. Kalk, oder pro die 0,3575 Grm. Einge- nommen sind pro die 450 Grm. Fleisch, 70 Grm. Speck und völlig kalkfreies destillirtes Wasser. Die Asche des Pferdefleisches ent- hält nach Weber') 1,8 pCt. Kalk. Ueber den Gesammtaschen- gebalt des Pferdefleisches liegt keine Besthnmung vor; derselbe dürfte, nach Analogie des Rindfleisches, im Maximum auf 1,5 pCt. zu veranschlagen sein. Demnach würden 100 Grm. frisches Fleisch
n Ceotralbl. f. d. med. Wissentch. 1872. No. 53. *) ArcbW f. experim. Pathol. Bd. 7. S. 148 o. ff. *) GmeliD, Organ. Chemie. Bd. 5. S. 493.
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0,027 Kalk eathalteot also 450 Grm. Fleisch 0,1215 Grm. Kalk. Der Kalkgehalt des Speckes ist vollstiladig verscbwindeod. AUer- diDgs Dimmt bei sehr lange daueroder, ausschliesslicher Fütterung mit Fleisch und Speck die Kalkausscheidung noch «weiter ab. Dies geht aus einer yan Herrn Professor Salkowski ausgefOhrten und mir gütigst mitgetheiiten Kalkbestimmung in den Fttces desselben Hundes hervor, nachdem letzterer 6 Wochen lang ausschliesslich 40O Grm. Fleisch und 60 Grm. Speck pro die erhalten halte (als Getrünk diente in den letzten 10 Tagen destillirtes Wasser). Es wurden dabei in den letzten Tagen 0,1125 Grm. Kalk pro die in den FScel» aasgeschieden. Aber selbst diese Menge ist noch grösser, als die im yerfQtterten Muskelfleische enthaltene (welche 0,108 Grm. betrSgt), und dazu kommt noch der Kalkgehalt des Harnes. Man ffluss demnach wohl annehmen, dass eine ausschliesslich aus Fleisch, Speck und destillirtem Wasser bestehende Nahrung zu wenig Kalksalze enthalt, und dass bei derselben eine Abgabe von Kalk seitens des KOrpers stattfindet. Hiermit stimmen auch die Er- gebnisse der Untersuchungen von Förster^) überein. Auch dieser Forscher kommt zu dem Resultat, dass die bei ausschliesslicher Fleischnahrung eingeführte Kalkmenge unter Umständen nicht ge- Dügt, um den Kalkbestand des KOrpers zu erhalten, wenn auch der Eiweissbestand desselben dabei unverändert bleiben kann. Die- ses Ergebniss steht allerdings im Widerspruch zu einer gleichfalls aus dem Voit'schen Laboratorium hervorgegangenen Untersuchung von Heise*), welcher bei seinem, 308 Tage umfassenden Ftttte- rungsversucb genau die in Fleisch und Speck eingeführte Kalk- menge in Harn und Fäces wiederfand; es ist aber nicht undenk- bar, dass hier Grösse, Alter und Raje des Thieres Differenzen be- dingen.
Es erübrigt noch, die in der ersten Versuchsreibe (bei Fütte- rung mit Brod, Speck und condensirter Milch) gefundene auffällige Vermehrung des. nach Darreichung von Chlorealcium zur Ausschei- dung gelangten Chlors zu berücksichtigen, eine Ausscheidung, welche die Menge des mit dem Putter eingeführten Chlors um
') Ueber die Verannadg des KSrpers, speciell der Koocheo, an Kalk bei ange-
nügeoder Ralkiafobr. Zellachr.' f. Biologie. Xfl. S. 476 o. ff. *) Mttchr. f. Biologie. XII. S. 1S4.
Areh. f. pftUiol. Amt. Bd. LXZIV. Hft. 1. 5
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ca« 1,5 Gfrn. Überstieg. Diese frappirende Thatsaclie, die roll die Veranlassung zar Inangriflfnahme einer 2. Versuchsreibe wurde, kann ich mir nicbt anders erklären, als durcb wesentliche Diffe- rensen im Roebsalzgehalt des an den verschiedenen Tagen ver- futterten Brodes; dagegen dOrfte die in Reibe 11 gefundene Mebr- aussebeidung von 0,1695 Gblor innerhalb der Fehlergrenzen liegen.
Suchen wir nun schliesslich, an der Hand unserer Versuchs- ergebnisse, die Frage nach der practiscben Verwertbbarkeit der per OS eingeführten Kalksalze zu beantworten, so ergiebt sich, dass, nach Darreichung eines löslichen Kalksalzes, eine, wenngleich sehr geringe Kalkresorption zu constatiren ist. Danach Ittsst sich wohl erwarten, dass ein etwaiges Ralkdeficit des Organismus durch an- haltende Einfdhrung löslicher Kalksalze in angemessener Dosis ent- weder ganz ausgeglichen oder doch vermindert wird, sofern die sonstigen ErnShrungsverbSltnisse die Rückkehr zur Norm begflnsti- gen, und es erscheint daher die von der Praxis IKngst beliebte Darreichung dieser Salze bei den einschl9gigen Krankheiten als eine wohl begründete.
Berlin, Februar 1878.
IV.
Die Theorien der exeessiven Honstra.
Von Dr. Ä. Rauber, a. o. Professor in Leipzig.
Zweiter Beitrag. (Schlots TOD Bd.UXin. S.59t.)
fV. Ueber den RadiSrtypus der Mehrfacbbildangen.
Man ist gewöhnt, in der Frage der Mehrfacbbildungea die Doppelbildungen, als die allerdings häufigeren Erscheinungen in den Vordergrund der Betrachtung zu stellen, der Dreilacbbil- dungen aber mit Unrecht nur beilSufig zu gedenken. Ea iduas nun
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Dicht noibwendig der grösseren Häufigkeit auch eine grössere prin- cipielle Wichtigkeit entsprechen, sondern es ist denkbar, dass un- geachtet ihrer grösseren Seltenheit die Dreifachbildungen das innere Wesen der ganzen Formation charakteristischer zum Ausdruck brin- gen können, als Doppelbildungen. Jedenfalls ist klar, dass den Dreifaehbildungen mindestens ein gleiches principielles Gewicht bei* zumessen sei. Niemand wird wohl Dreifachbiidiygen , als einem ganz anderen Entwiokelungsplan angehörig, auffassen wollen. WSren sie genügend berücksichtigt worden, so würden mehrere zur Er- klSrang der Doppelbildungen angerufene Formen der Theilung, wie LSngslheilung, Quertheilong des Keims, mit oder ohne Drehung der Theilstücke, schwerlich aufgestellt worden sein.
Um dieses Versäumniss nachzuholen, habe ich denn der Be- sprechung der Dreifachbildungen, soweit es das bisher bekannt ge- wordene, auf den beigegebenen Tafeln oder schon in meinem vor- bergebeDden Beitrag abgebildete Material ermöglicht und passend ersebdaen llsst, den. Vorzug eingeräumt, ohne Doppelbildungen, zumal bei den Fischen, auszuschliessen oder irgend nebensächlich behandeln zu wollen. Denn ich betrachte die Entwickelung beider Reihen als eine ?on denselben Gesetzen beherrschte.
Wenn es nun meine Aufgabe sein muss, insbesondere die in Abschnitt il beschriebenen Mehrflachbildungen des Hechtes, ^achses, der Forelle und des Hühnchens, die zusammengenommen die denk- bar wichtigsten und schwierigsten Fille darstellen, auf ihre dem gegenwärtigen Zustand der Ausbildung vorausgehende Entwickelungs- geschichte zu untersuchen, so kann dies nicht geschehen, ohne vorher auf das von mir aus der Beurtheilung aller Vorkommnisse unter Führung der normalen Entwickelungsgeschichte bereits abge- leitete und beschriebene Princip ^) zurückzukommen und dasselbe dem Leser an der Hand theils schematischer, thcils naturgetreuer Abbildungen in das Gedllchtniss zurückzurufen, wobei ich übrigens, was die normale Entwickelungsgeschicbte des Primitiystreifens der Wirbelthiere betrifft, auf meine unten citirte Schrift zu verweisen mir erlaube. Hier ist nun voranzustellen:
*) Dieses Archif Bd. 71. Hit 1. Aasserdem in: PrimitimreifeD und Neorola dsr Wirbalthiere, in normaler and pathologischer Bestehong. Leiptig bei W. EDgelmaan, 1877. S. 70 ff.
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Wie normal, nach geschehener Purchung, mit der Ausbildung eines dünnen Mittelfeldes und eines Keimringes ') als erstes Zeichen der definitiven embryonalen Axenbildung eine vordere Embryonal- anlage am Keimring zur Erscheinung und Ausbildung gelangt, so gelangen bei Mebrfachbildungen mehrere solcher vorderer Embryonalanlagen am Keimring zur Entwickelung. Diese einfache oder mehrfache vordere Embryonalanlage bedeutet je nach der Wirbellhierklasse entweder blos die Kopfanlage, oder letztere mit einem angrenzenden Theile der Rumpfanlage; alle vorderen Em- bryonal.anlagen aber stehen mit ihren Lfingsaxen senkrecht, radiär oder, wenn man lieber will, meridianal auf dem Keimring und sind in verschiedenen Abständen auf den Umfang des Keimrings ver- tbeilt, von welchem aus ihre vorderen Enden in das helle Mittel- feld hineinragen. Schon die Erscheinung mehrfacher vorderer Em- bryonalanlagen giebt der ganzen Bildung eine strahlige Anordnung. Sie gebt hervor aus radiärer Dispulsion der aus der Furchang her- vorgegangenen Keimzellen zu einem Keilnring mit mehreren vor- deren Embryonalanlagen, statt wie gewöhnlich einer einzigen.
Der Anschluss der hinteren Embryonalanlagen, oder wie ich noch lieber sagen möchte, der mittleren und hinteren Embryonal- anlagen an die vorderen, zur Bildung der totalen Embryonai- anlagen erfolgt weiterhin völlig nach den Gesetzen des normalen Entwickelungsablaufs. Ais hintere Embryonalanlage ist die des hin- teren Leibestheiles zu verstehen.
Dies ist in Kürze das Princip, von dem ich, ausgehend von der Kenntniss der bisher bekannt gewordenen Fälle von Mehrfach- bildungen der Haie, Knochenfische, Reptilien, Batrachier und Vögel annehmen zu müssen glaube, dass es bei allen Wirbelthieren seine Geltung habe.
Nach den Raumverhältnissen des Eies und der vorderen Em- bryonalanlagen, nach dem gegenseitigen Abstand der letzteren, nach der Betheiligungsform des Keimrings an der Herstellung der totalen Embryonalanlage, nach der Bildung oder Nichtbildung eines Amnion u. s. w., erwachsen nun aber ausserordentlich verschieden aussehende Ergebnisse bei gleichen Species oder den verschiedenen Klassen der
*) Kflimriog gleich Randwalst -f deckendes Ektoderm; da «Raodwolit" aocb alleio fQr die BeseicbouDg des Entodermwoletes gebraacht wird.
WirtMllbJer«, obwohl aucb hier eine principielle Differenz nidit zum Ausdrucli kommt.
Ueber die bisher helrachleten Verbältnisse orientirt am besten ein Blick auf beistebende Holzschnitte, Von welchen der eine die Anlage einer Dreifachbildung vom unteren, der andere eine solche vom oberen Keimpol gesehen schematisch darstellt.
Fi|. 1- Fig. 2.
Fi|. 1, Schnna einer DralFacbbllduDg nm uDlerea; Pig. 1, ron obercD Ei pal suf gtitben, A, B Diid C siod die 3 In der Auibildimg begriffensD EmfarpimlBiilBgep, >« r». diu wir sie all fordere alleia, oder als lardere mil eineni bereila angeeclilaBefuea Slfick der miltlereo EmbryomtiDlBge iDffiiieit »allen ; a möge der Einracbheil ■egcD btof die Tordere gemeint leln. Stmmtliche 3 Anlagen zeigen Hrimillirinnen. >l bedentel du Dollerlocb, b die Area Incida, innlchit da* Elitodenn deraelben, in nelche hinein die 3 forderen EmbrfoaBlanlagen Radien gleich tortpringen, indem sie loiu Keimring lenkrechl abgeben; der Keimring selbst umkreiit das DoUerlocb, die Keimpforte.
Was die Uebertragung dieser Figuren auf ein bestimmles Thier betrifft, so dUrfte die zweite Figur Itlr das Hühnchen keine Schwieri|{' keiten machen. Wir haben eben einfach eine ulwa 12stUndig bebrütete Keimscheibe desselben von oben gesehen vor uns, mit der Area lucida und dem Keimring, von welch letzterem hier statt einer Embryoiialanlage deren drei abgehen. Genau dasselbe gilt abgesehen von der BebrOlungszeit von der Uebertragung auf einen Knochenfisch- oder Haifischkeim. Aber auch auf einen Batrachier- keim, der bekaontüch durch die. gesammle Dotlerkugel dargestellt wird, ist die Uebertragung einfach, wenn wir denselben voti oben ttelracbten und von dem, die bauchwSrtsItegeiide Busconische Pforte umkreisenden Keimring 3 Embryonalantagen gegen den Beobachter bin abgehen lassen. Letzteren Keim von <ier Bauch-
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fläche aus gesehen, haben wir alsdann das Wesentliche der ersten Figur vor uns. Um auch diese auf das Hühnchen zu übertragen, 80 haben wir uns nur die Keimscheibe desselben als bereits so gross (geworden vorzustellen, dass sie den ganzen Dotter bis auf die kleine Keimpforte d umfasst. Fast die gesammte Umwachsung wird aber vom Keimring geleistet und so haben wir uns also diesen ausserordentlich gross und kugelig geworden zu denken; nach dem etwa gleich gross gebliebenen hellen Mittelfeld hinein blicken alsdann immer noch die 3 Embryonalanlagen, während deren hintere Enden mit dem Keimring gleichfalls noch in unmittel- barer Verbindung stehen.
Beachten wir, dass wir bis jetzt blos die vorderen Embryonal- anlagen vor uns haben, so erscheint es vom normalen und patho- logisch-entwickelungsgeschichtlichen Standpunkt aus zunächst ganz unmöglich, dass diese vorderen Embryonalanlagen in einer anderen Weise sich herausbilden, als es angegeben ist; etwa nicht an den Keimring grenzen, mit ihrem vorderen Ende nicht in die Area lucida hineinragen, mit den Längsaxen nicht senkrecht oder meri- dianal zum Keimring, oder der Keimpforte stehen sollten; sie kön- nen natürlich in anderen Abständen, d.i. Längengraden, stehen und aufeinanderfolgen, aber im Uebrigen dürfte man nicht wobl begründete Einwendungen gegen das Angegebene machen können. Nur ein Fall bezüglich der Axenstellung ist besonders zu berück- sichtigen und als Ausnahme zu behandeln, wenn nehmlich die vorderen Embryonalanlagen so nahe zueinander gestellt sind, dass sie sich gegenseitig stören oder theilweise ineinanderfliessen: hier scheint immer eine Aenderung der Axenrichtung in der Weise ein- zutreten, dass die vorderen Enden divergiren, mit nach dem oberen Keimpol ofifenem Winkel. Dies ist aber begreiflich genug. In allen übrigen Fällen hängt Convergenz oder Divergenz tier Axeu einfach davon ab, ob in dem einzelnen Falle die vorderen Embryonalan- lagen oberhalb oder unterhalb des Ei-Aequators in das Auge ge- fasst werden.
Mögen wir nun 2 oder 3 oder mehr vordere Embryonalanlagen vom Keimring ausgehen sehen, mögen sie in regelmässigen Ab- ständen aufeinanderfolgen oder nicht, mögen im Falle blos zweier vorderer Embryonalanlagen dieselben einander diamelral gegenüber gestellt sein, oder in mehr oder minder grosse gegenseitige Nähe,
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sieher ist, das's die ganze Anordnung bis dahin eine Regelmässig« keit nnd Dorchsichtigkeit zeigt, die Nichts zu wünschen übrig ISsst und dass, wenn die Beobachtung auch Ternerhin es bestätigt, sofort ein Theil der UnnatOrlichkeit der Mehrfachbildungen zur Auf- lösung kSme. Bevor wir aber an die Ergebnisse der directen Beob- achtung herantreten, ist es erforderlich, die Ergänzung der vorderen zur totalen Embryonalanlage durch den Anschluss der mittleren und hinteren Embryonalanlage in das Auge zu fassen, zunächst an einer Einfachbildung und zwar eines Knochenfisches, sei es der Porelle oder des Hechtes.
Der sehr einfache Vorgang tritt an den Figuren des folgenden Holzschnittes, die ich Lere beul let's Beobachtungen Über die Ent* Wickelung des Hechtes entnehme, deutlich zu Tage.
Flg. 3.
Fig. 3 aod 4. Zwei aofeiaaoder folgende Eolwickelaogsstadleo vom Hecht, nach
Lereboollet. Flg. 5. Hemidfdjmos fom Hecht vom Stadiam der Fig. 4.
Die FSgaren 3 ond 4 zeigen ans zwei aofeinanderfolgende normale Eotwicke- loogsstadlen des Hechtes, b bedeutet die Dotterhaot, in welcher die Dotterkogel Bit Reimhaat ond Embrjonalaolage eingeschlossen ist. Die Keimhant b mit ihrem vcrdickleo Sanme, dem Keimriog k, bedeckt bereits den grössten Theil der Dotter- kogel and iässt von ihr nar ein unteres Segment d frei, welches aus dem Dotter- loche der Keimhaot, der Keimpforte, dem Drmnod, hervoi'sieht nnd an den Seiten- räadem durch den Keimring etwas eingeschnürt wird.
Von dem Keimring der Fig. 3 springt in den dSnnen Theil der Keimhsut (die Area locida b), mit^der Lingsaie «enkrecht oder meridional gestellt aas dem Keim-
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riog bertorgeheod, die Gabryonalaolage K' for, die xam grfiaeteo' Tbeil ooch vor- dere EmbryoDalaiilage tat ond mit ihren oniereo Seiteotbeilen aomitulbar and ebne beatimmte Grenie in den Keimring aich fortaetzt, der bier wie zwei Seiten- flögel der forderen Embryonalanlage erscbeiot.
In der folgenden Figur (4) aeben wir den Urmand bereite aebr verkleinert, nur ein kleines Segment d der Dotterkoge! von der Kefbbant anbedeckt and karze Zelt darauf wQrde die völlige Dmacblietanng dea Dotters dnrcb die Helmhaat «r- reicbt worden sein. Der Vorgang der allmäblicben Umscblieaanng des Dotiere dnrcb die Keimbant and zunftcbst ibren Keimring vollziebt sich nun einfach ao, daaa die beiden Keimringbälften in der Richtung von vorn nach rfickwSrts fortschreitend symmetrisch zusammenrücken und auf diese Weise der vorderen Embryonalanlage allmählich die mittlere und hintere Embryonalanlage hinzufügen. Dies geschieht nun allerdings nicht durch einfaches seitliches Aneioanderlegen der Keimringbftifften, sondern unter gleichzeitiger Znsammendrftngung ihrer Substanz, ao dass die mittlere und hintere Embryonalanlage kQrzer ist als die Lflnge einer Kelmringbälfte betrftgL Als hintere Embryooalanlage, die wie gesagt die Schwanzanlage darstellt, erscheint der den letzten Reat der Reimpforte umschliessende Keimringtbeii. Letztere Anlage entspficht also Ihrer Stellung nach der Kopfanlage; ein vorderes und binteree, sowie zwei seitliche Gegenstucke machen demnach die totale Embryonalanlage aus, die ans ringförmiger Urform hervorgegangen ist. Der Vorgang Iftuft mit anderen Worten darauf bioaua, aus einem Riogtheil des Keimes einen und zwar deGniliven Axentheil des Embryo zu schaffen.
So wird aus einer Gastrula allmählich eine Neurula und zwar, da letztere aus dem die Reim pfortc umsäumenden Keimring her- vorgegangen ist, eine Pyloneurula, wie ich sie genannt habe. Je mehr die Neurula ihrer Vervollständigung entgegengeht, um so mehr tritt die Form der Gastrula zurück, sie löst sich auf in ein anderes Entwickelungsstadium. Ueber Schwanz- und Analbildung wird an besonderer Stelle die Rede sein.
So verhält sich die Ausbildung der totalen Embryonalanlage einer Einfachbild ung bei den Knochenfischen. Verfolgen wir nunmehr den Fortschritt der Entwickelung einer Mehrfachbildung und der grösseren Einfachheit wegen einer Doppelbildung. Auch bier scbliesst sich der einfache Keimring, mittlere und hintere Em- bryonalanlagen bildend, an die vorderen Embryonalanlagen an, wie es aus dem Gesetz der Norm zu erwarten war. Doch treten Be- sonderheiten ein durch die Theilung des Gebietes des Reimrings für die beanspruchenden vorderen Embryonalanlagen. Der sich abspielende interessante Vorgang zeigt sich auf den folgenden Fi- guren 6, 7 und 8 schematisch dargestellt.
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Fig. A.
Fig. 7.
Fig. 8.
Flg. 6 — 8. Schfina der Eotwicl[elaDg eloM Aoadldjmoi der Knochenfische. Flg. 6 Stadium der forderen , Flg. 8 SUdiom der tolalen Emhryonalanlage mit bereite begonnener Scbwanzbildong.
Wir erkennen in Fig. 6 den Keimring mit 2 vorderen Era- bryonaUinlagen A and B. Durch die Gegenwart derselben zerfiillt der Keimring nicht mehr in eine rechte und linke HMlfte, sondern in Tcrschiedener Weise, ganz sich richtend nach den gegenseitigen Entfernangen der vorderen Embryonalanlagen, d. i. nach ihrer Ein- stellung auf 180 oder weniger Grade des Umfangs des Keimrings, in vier gleich lange oder ungleich lange Strecken. Diese Strecken sind gleich lang bei 180 gradiger Einstellung; bei genäherter Ein- stellung dagegen finden wir 2 ungleichlange Streckenpaare; in sie theileo sich die vorderen Embryonalanlagen alsdann so, dass auf jede derselben eine lingere und eine kürzere Strecke entfiillt; die beiden kOrzeren Strecken aber liegen alsdann beisammen, ebenso die beiden ISngeren; die beiden Paare sind von einander getrennt durch die beiden vorderen Embryonalanlagen. Letzteren Fall haben wir in Fig. 6 vor uns, die uns zwei einander nahe liegende vordere Embryonalanlagen zeigt. Die beiden kOrzeren Strecken bilden die von mir sogenannte innere Zwischenstrecke; die beiden län- geren Strecken bilden zusammen die äussere Zwischenstrecke. Die innere Zwischenstrecke verbindet die medialen (einander zu- sehenden) Hälften der 2 vorderen Embryonalanlagen; die äussere Zwiscbenstrecke dagegen verbindet die lateralen (von einander abgewendeten) Hälften der 2 vorderen Embryonalanlagen; sie kön- nen darum auch mediale und laterale Zwischenstrecke genannt werden.
In Folge des conjünctiven Wachsthums des Keimrings zur Bil- dung der mittleren und hinteren Embryonalanlage wird an jede der
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beiden vorderen Embryonalanlagen das zu ihren beiden Seiten ge- legene Keimringgebiet allmäblich herantreten. Den Fall gesetzt, die mediale Zwischenstrecke habe eine Länge von 2 Millimetern, so wird für jede der beiden vorderen Embryonalanlageo, zu ihrer Ver- längerung nach rückwärts, 1 Millimeter Länge der medialen Zwischen- strecke abgegeben werden; ebensoviel von der äusseren Zwischen- strecke. Dies ist auch in der That der Fall und geht daraus sofort hervor, dass damit die beiden Embryonalanlagen zwar sich ver- längern, aber nothwendigerweise auch sich einander nähern müssen, wenn wir den einfachsten Fall annehmen. Sowie die mediale Zwischenstrecke aufgebraucht, an die medialen Hälften der 2 vorderen Embryonalanlagen herangetreten ist, müssen die um ein Stück mittlerer Embryonalanlage verlängerten vorderen Anlagen mit den unteren Enden ihrer medialen Hälften hart aneinander- stossen. Es ändert sich also hiermit die Axenrichtung der beiden Anlagen in etwas. Siehe Fig. 7.
Eine andere Frage ist es, ob die wirkliche Verlängerung der medialen Hälften der vorderen Embryonalanlagen je 1 Millimeter betragen werde. Ich habe dies in meinem früheren Beitrag als einfachsten Fall angenommen. Bei der Einfachbildung findet wie gesagt, eine Zusammendrängung des Materiales des Reimrings statt, während er seinen Anschluss vollzieht. Nach meinen gegen- wärtigen Erfahrungen muss ich annehmen, dass auch im Falle von Mehrfachbildung eine Zusammendrängung des Keimringmaieriales während seines Anschlusses stattfindet, so dass also die Verlänge- rung der medialen Hälften der vorderen Embryonalanlage In unse- rem angenommenen Falle nieht einen ganzen Millimeter, sondern weniger beträgt. Ich behalte mir vor, hierüber genauere Messungen bei späterer Gelegenheit zu veröffentlichen.
Während des Anschlusses der medialen Zwischenstrecke hatte sich ein gleich grosses Stück der lateralen Zwischen strecke, wie schon bemerkt, angeschlossen. Der- tibrige Tbeil der lateralen Zwischenstrecke liefert weiterhin, wenn einmal von medialer Zwi- schenstrecke nichts mehr vorhanden ist, den gemeinsamen Kör- pertheil. Fig. 7 der Holzschnitte a^ßigt gerade den Beginn der Bil- dung dieses gemeinsamen Körpertheils. Die mediale Zwischenstreckei hat sich vollständig angeschlossen, ein Theil der lateralen Zwischen- strecke berührt bereits ein eli gegenüberliegenden identischen, anderen
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Theil* derselben. Dies geht nun so fortf bis schliesslicb die ge- sammte laterale Zwischenstrecke mit ibren symmetrischen Hfilften zusammengerückt und die totale Embryanalanlage vollendet ist Wir babeo dieses Stadium in Fig. 8 vor uns, welches nur insofern etwas weiter vorgerückt ist, als sich bereits ein freier Scbwanztheil KU bilden begonnen hat Die Bildung, die ans jener ersten Anlage der Fig. 6 bervorgewachsen ist, ist nunmehr ein fertiges Doppel- monstrum und eine Form, wie sie unter den Fischen zu den aller- häufigsten gebart, ein Anadidymus (s. dieses Archiv, Bd. 71, Tafel VI, Fig. 7— 11).
Es können bei einfacher vorderer Embryonalanlage Ver- zögerungen des Anschlusses der Reimringhälften zur Bildung der mittleren und hinteren Embryonalanlage eintreten, ohne dass dadureb die morphologische und histologische Differenzirung in den KeimriDgbälften aufgehoben werden: Das Ergebniss ist alsdann eine scheinbare Doppelbildung, Fig. 5 der Holzschnitte, die gleichfalls nicht selten ist, ein Hemididymus, wie ich diese Form ge- nannt habe.
Bleiben wir jedoch bei dep Anadidymis, so ist bezüglich dieser Form noch Einiges zu erwähnen. Vergleichen wir zunächst mit den betrachteten Bildungsvorgängen und den schematischen Figuren die auf Taf. XIV Fig. 1 (Bd. 73) mit dem Prisma gezeichnete Dop- pelbildung des Hechtes, von der 72. Bebrütungsslunde , so er- kennen wir dieselbe als nahe auf der Stufe der totalen Embryonal- anläge stehend. Die Keimpforte ist noch ofifen, umschlossen vom Keimring, der eine mediale und eine laterale Zwischenstrecke noch erkennen lässt. Der Anschluss dieser beiden würde binnen Kurzem die totale Embryonalanlage vollendet haben. Bringen wir aber statt die fernere Ausbildung in das Auge zu fassen, zunächst diese Dop- pelbildung auf eine frühere Stufe zurück, so ergiebt sich, dass wir die mediale Zwischenstrecke im Verhältniss zur lateralen viel länger zu nehmen haben, als dies auf Holzschnitt 6 der Fall ist; ja dass wir innere und llussere Zwischenstrecke auf dem Stadium der vor- deren Embryonalanlage nahezu als gleich gross in diesem Falle setzen müssen; mit anderen Worten, die beiden vorderen Era- bryonalanlagen dieses Hechtes mussten sich im Beginn ihres Auf- tretens an nahezu entgegengesetzten Stellen des Keimrings befunden haben. Mit der Ausbildung^ der mittleren i£mbryonalaniagen rückten
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die beiden Zwischenstrecken mehr und mehr zusammen; die' Em- bryonalanlagen wurden dadurch länger und länger, in demselben Maasse aber rückten sie sich, ganz der normalen Entwiekelung ent- sprechend, mit ihren hinteren Enden näher, so wie wir sie jetzt gelagert sehen ; und geben wir noch kurze Zeit der Weiterentwicke- lung zu, so werden die beiden Embryonalanlagen völlig und direet miteinander zusammenhängen, die mediale Zwischenstrecke wird sich vollständig angeschlossen haben: der gemeinsame Rörpertheil ist dann natürlich aber nur ein ganz kleiner, er wird (von der Verbindung der beiden Embryonen mit dem Dottersacke abgesehen) von der hinteren Embryonalanlage wesentlich gebildet sein. Dass der eine der Componenten in seiner Ausbildung noch etwas zurUck ist, thut nichts zur Sache. An diesem Doppelhecht ist die Stufe der Gastrula nahezu abgelaufen, die der Neurula nahezu vollendet; wir haben nur eine einfache Gastrula, aber eine doppelte Neurula.
Die Annäherung vorher distanter Embryonalanlagen mit ihren hinteren Enden, in Folge der sich mehr und mehr verkürzenden, weil zum Anschluss gelangenden inneren Zwischenstrecke ist für das Verständniss dieser Doppelbildungen von grösster Bedeutung und Wichtigkeit. Was wird geschehen, wenn beide vordere Em- bryonalanlagen an genau einander entgegengesetzten Keimringpankten sich befinden?
Ein solcher Fall wird auf der Stufe der Schlussnähe der Reim- pforte dem soeben beschriebenen Doppelmonstrum des Hechtes ausserordentlich nahe stehen müssen.
Im Fall genau entgegengesetzt auftretender vorderer Embryonal- anlagen, unter der Voraussetzung genauester Gleichheit je ihrer Hälften sowohl als auch des ferneren Anschlusses der hier gleich grossen beiderseitigen Zwischenstrecke (die hier nicht mehr in eine mediale und laterale trennbar wäre), mUsste man erwarten, es werde zur Zeit des herannahenden oder bereits beendigten Ver- schlusses der Keimpforte Ein mittleres Leibesstück vorliegen, wel- ches an seinen beiden Enden je einen Kopf trägt, in der Mitte die Keimpforte besitzt oder vorher besass.
Es fehlt aber in der Tbat nicht viel, um sieh aus unserer Doppelbildung des Hechtes jenen Fall zu vergegenwärtigen. Die Divergenz beider Componenten der Doppelbildung müsste 180' be- tragen, die beiden Zwischenstrecken, die hier etwas ungleich sind,
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gleich gedacht werden, dann wOrde das Wesentliche jener voraus- gesetzteo Bildung gegeben sein.
Ein solcher Fall nun ist bisher auf dieser frühen Stufe der vorderen Embryonalanlagen noch nicht beobachtet worden; es ist aber nicht allein die Möglichkeit jgegeben, für die ich mich schon früher ausgesprochen hatte, dass er wirklich vorkommt, wiewohl die Bedingungen zu seiner practischen Verwirklichung schwer zu erfüllen sind, sondern er kommt, wie alsbald aus der Beurlheilung späterer Funde sich mit aller Bestimmtheit ergeben wird, thatsSch- lich vor; doch ist er immerhin selten.
Selbst was die uns vorliegende Doppelbildung des Hechtes be- trifit, scheint mir die Möglichkeit offen gehalten werden zu müssen, dass zur Zeit der ersten Bildung der vorderen Embryonalanlagen letztere vielleicht an völlig entgegengesetzten Enden gelegen hatten, dass aber mit weiterer Ausbildung eine unbedeutende Ungleichheit des Anschlusses beider Zwischenstrecken eine Ann&herung der beiden Componenten nach einer Seite bewirkte.
Betrachten wir an dem Beispiel desselben Doppelhechtes noch das Ergebniss einer weiter fortschreitenden Entwickelung, so ist hierüber das Folgende zu bemerken. Die Keimpforte wird zum Verscliluss gelangen, die beiden auf dem Dottersack befindlichen Leiber werden mit ihren hinteren Enden zusammenhängen und die hintere Embryonalanlage wird den Schwanztheil hervorsprossen lassen. Das Wachsthum des Schwanztheiles, welcher normal bald dne kleine, mit ihrem abgerundeten Ende rück* und binterwitrts gerichtete Papille darstellt, schreitet rasch voran, verlängert sich in der Fortsetzung der LSngsaxe des bereits vorhandenen Embryo und bildet einen mehr und mehr den Dottersack überragenden Vor- ^ning des Embryo nach hinten. Selbst bei einer Einfachbildung kann, statt nach einer Bichtung, nach zwei Bichtungen hin ein solcher Vorsprung des Embryo nach hinten sich entwickeln; das- selbe Vorkommniss wird um so leichter bei einer Doppelbildung auftreten können. Kommt dagegen auch bei einer Doppelbildung nur eine einfache Schwanzanlage zur Entwickelung, so wird dieselbe entweder in der Bichtung einer der Axen der beiden Embryonen, oder in der Bichtung der Verbindungsaxe beider Embryonen sich entwiekeln.
Einen tbatattchlicben Fall zeigt unsere Doppelbildung der Fo-
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relle, Taf. XV Fig. 7, Bd. 73. Der Schwanztbeil hat sich in der Rich- tung der Verbindungsaxe beider Componenten entwickelt. Er zeigt Spuren der Verdoppehing, wie bereits bei der Beschreibung dieser Doppelbildung genau geschildert worden ist.
Hätte unser Doppelhecht sich weiter entwickeln können , so würde das Ergebniss eine der Doppelforelle ähnliche Bildung ge- wesen sein; die Verdoppelungsspuren im Schwanztheile hätten feh- len, hätten jedoch auch stärker ausgebildet sein können.
So bleibt denn noch die Analyse der beiden Lachs doppel- bildungen übrig. Und wenn bis dahin keine Schwierigkeiten be- standen haben, die Doppelbildungen des Hechtes und der Forelle sowie den Hemididymus des Hechtes (letzteren als Hemmungsbil- dung) auf unser Schema zu beziehen und durch das demselben zu Grunde liegende Princip morphologisch zu erklären, so möchte es dagegen schwer möglich erscheinen können, auch die Entwickelung jener Omphalodidymi oder Gastrodidymi des Lachses (Taf. XIV, Fig. 3, 5 und 6) als von demselben Plan beherrscht bew<usen zu können. Sieht man doch, wie die Figuren zeigen, mit aller Deut- lichkeit beide wesentlich vollständig ausgebildeten embryonalen Leiber in ihrer Gesammtlänge von einander getrennt, allein nur dnrch den Dottersack mit einander verbunden, mit von einander abge- wendeten Rücken, zugewendeten Bauchflächen, mit fast parallelen Lttngsaxen und in gleichsinnige Richtung gestellt
Anfänglich möchten Viele wohl geneigt sein, wie es ja auch früher schon der Fall gewesen ist, diese Gastrodidymi durch die Annahme zu erklären, dass hier zwei getrennte Keime auf der Dotterkugel vorhanden gewesen seien; dass diese beiden Keime an diametral gegenüberliegenden Stellen der Dotterkugel sich befunden haben müssten, als die Befruchtung stattfand und dass atedann diese beiden Reime sich zu den Embryonen umgebildet hätten. Denn die hinteren Leibestheile liegen weit auseinander (es wurde bei der Beschreibung das Maass angegeben); jeder Anus, sowie die Bauch- flossen sind zur Entwickelung gekommen und selbst die Gaudal- tbeile sind theils völlig normal, theils etwas verkümmert angelegt.
Aber man darf sich nur an den Modus der normalen Piscb- entwickelung erinnern und die für eine Prüfung angenommenen zwei Keime sich weiter entwickeln lassen, um im nächsten Augenblick davon überzeugt zu sein, dass weder zwei auf der Dotierkugel ge-
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legene oppositopole Reime, noeb aucb die Ton Qaatrefages ver- muthete Verwaehsung zweier Dotterkugeln und DottersUcke jene Form von Doppelbildung hervorgebracht haben können. Und wenn man denken wollte, dass vielleicht irgend ein anderer als die beiden genannten und als der normale Modus in Betracht zu ziehen sei, so wird man in der Anstellung solcher Versuche nicht minder er- beblichen Schwierigkeiten begegnen.
Doch verfolgen wir einmal die für einen Augenblick angenom- menen 2 oppositopolen Reime, die noch den einfachsten Versuch jenseits des normalen Gebietes darstellen, in ihrer weiteren Ent- wickelttng. Beide Reime würden begonnen haben, sich Über die Dotterkügel auszubreiten. Beide hatten je eine Mittelscheibe und einen Reimring entwickelt und zugleich je eine randstSndigc vordere Embryonalanlage. Die beiden Reimringe mit ihrer vorderen Embryonalanlage würden weiterhin allmählich den Aequator der Dotterfcogel erreicht haben und würden hierselbst,. bei gleicher Ent- wickeluog beider Reimseheiben, aufeinandergetroffen sein. Im gün- stigen Falle würden die beiden sich berührenden Reimringe mit- einander verwachsen sein, um einen gewulsteten Doppelring zu bilden, von welchem beide vorderen, um ein Stück der mittleren Embryonalanlage vergrüsserten Embryonalanlagen ausgegangen wa- ren. Mag man die Embryonalanlagen an irgend welche Stellen der Reimringe verlegen, so ist zweifellos, dass, sei es mit Bezug auf die Embryonen, sei es mit Bezug auf den Dottersack gerade das Gegenthetl dessen eingetroffen wXre, was man zu erreichen wünschte und was die Gastrodidymi erfordern. Es wird denn auch nicht nOtbig sein, noch etwaige fernere Stufen der beiden zusammen- getroflbnen Reimringe zu verfolgen, eine solche Bildung ist bis jetzt ttiemnls beobachtet worden.
Wenn nun aber weder dieser, noch ein anderer anomaler Modus für die Entstehung unserer Gastrodidymi annehmbar er- scheinen kann, welcher andere wird der thatsHchliche gewesen sein?
Rein anderer, als der gewühnliehe, als der radiBre Modus.
Als ich dieser Doppelbildungen auf dem hiesigen zoologischen Museum ansichtig wurde (denn die Gastrodidymi der Lachse hatte icb zuvor nicht gesehen) war es mein Erstes, über das Verhältniss des Reimringes der Lachse zur normalen totalen Embryonalanlage klar zu werden und Sicherheit zu suchen. Denn entweder war
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totale Aufbrauchung des Reimrings vorhanden, wie bei den Forellen, Hechten, Barschen, die ich kaanle, oder es war nur partielle Auf- brauchung des Reimrings vorhanden wie bei den Haien, dem HQha- chen, bei welchem wir diesen Beziehungen wieder begegnen wer- den. War partielle Aufbrauchung des Reimrings vorhanden, so verschloss sich beim normalen Lachs die Keimpforte hinter dem hinteren Ende der totalen Embryonalanlage; diese schnQrte sich von dem Reimring ah, bevor dieser den Schluss der Reimpforte bewerkstelligt hatte. Nichts erschien alsdann leichter, als die Zurfick- fUbrung der Gastrodidymi auf das unserer Untersuchung eu Grunde gelegte Princip. Die Sache verhielte sich nehmlich dann folgender- maassen. Der einfache Reimring hatte an diametral gegenüber- liegenden Enden je eine vordere Embryonalanlage. Diese beiden Anlagen verlängerten sich mit der Ausbreitung der Reimscheibe über die Dotterkugel wie gewöhnlich dadurch, dass mehr und mehr Theile des Reimrings je zu beiden Seiten an sie herantraten. So gelangten die Reimsch^iben nach und nach zum Aequator der Dotterkugel und Über diesen hinaus, während die Embryonalanlagen sich verlängerten, immer aber einander entgegengesetzt 4>lieben. Eine geraume Strecke jenseits des Aequators nun, wie Taf. XIV Fig. 4 versiunlicht, fing der Reimring an, nicht mehr weiter an die Embryonalanlagen heranzutreten, sondern sich von ihnen zu lösen, hinter ihnen weiter zu rQcken und endlich in der Mitte zwischen den hintersten Enden der beiden Embryonalanlagen die Keioipforte zu verschliessen. Es ist klar, 4ass man bei dieser Lösung des Reimrings von der Embryonalanlage nicht an eine Gontinuitäts- unterbrecliung der Reimblätter denken darf, sondern nur an eine Differenzirung. So liegen die beiden totalen Embryonalanlagen ein- ander gegenüber, Bauchfläche gegen Bauchflttche, in gleichsinniger Richtung, die Längsaxen in derselben Ebene, der Medianebene des Eies liegend. Nun begann noch das bedeutende Wachslbum der hinteren Leibestheile nach hinten , d. h. die Schwanzbilduag fand statt, die Richtung der Längsaxen forsetzend. Es bedarf keiner weiteren ^Schilderung mehr, dass wir hiermit unsere Gastrodidymi vor uns haben.
War aber die Aufbrauchung des Reimrings für die Embryonal- anläge normal nicht eine partielle, sondern eine totale, so erlitt der bis jetzt beschriebene Modus keine andere Veränderung als be*
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zQglich der hinteren Embryonalanlage, wahrend alles Uebrige völlig deoselben Vorgang zeigt. Die hinteren Embryonalanlagen würden in dieseoi Falle bis an die zum Verschluss sich anschickende Keim- pforte reichend zu denken gewesen sein. Oder sie hätten im Falle der Doppelbildung sich als Verdickung früher vom Keimring ge- irenoty als derselbe die Keimpforte verschloss, während die normale hintere Embryonalanlage bis an die sich schliessende Keimpforte reichen wtlrde.
Wie man sieht, kommt es hierbei durchaus auf nichts weiter an, als zu erklären, auf welche Weise der gegenseitige Abstand der Wurzeln der Hinterleiber am Doltersack zu Stande komme; dies kann am leichtesten auf die erstangegebene Weise (partielle Auf- brauchung des Keimrings) geschehen; mit ihr kommt nahezu Qber- ein der zuletzt angegebene Modus. Ich selbst nun habe bisher Lachse auf der Stufe der sich der Vollendung nahenden Dotter- umwachsang nicht zu beobachten Gelegenheit gehabt und will mich nir die eine oder andere Annahme erst nach eigener Besichtigung entscheiden, ohne jedoch den allgemeinen Modus der Bildung der Gastrodidymi nur im Mindesten für zweifelhaft oder angreifbar zu erachten.
Indem ich noch auf die in Fig. 6 Taf. XIV nach Knoch wie- dergegebene parasitäre Form eines Gastrodidymus des Lachses aufmerkam mache, deren Entstehung genau dieselbe ist, wie bei den vorher untersuchten Gastrodidymis und nur darin abweicht, dass der eine Component in seiner weiteren Entwickelung zurück- bleibt, während der andere normal weiter wächst; indem ich noch bemerke, dass sämmtliche Beobachtungen von Gastrodidymis den Lachsen anzugehören scheinen, während von Forellen mir eine solche Form nicht bekannt worden ist; indem ich endlich auf das Schema der Entwickelung von Gastrodidymis aus diametral ent- gegengesetzten Embryonalanlagen hinweise, welches bis dahin mit dem Schema der weitgespaltenen Anadidymi fast völlig zusammen- fällt, verlasse ich die Mehrfachbildungen der Knochenfische, um eine andere Klasse der Betrachtung vorzustellen. Denn die Drei- fachbildungen der Knochenfische, deren 2 Fälle von Lereboullet beim Heeht beobachtet worden sind, verlaufen natürlich ganz nach demaeUien Plan und bedürfen keiner besonderen Besprechung mehr. Nicht allein die soeben betrachteten Fälle von Doppelbildung, um
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dies besonders hervorzuheben, finden durch den beschriebenen Entwickelungsplan ihre Erklärung, sondern es ist mir weder unter den Knochenfischen noch unter den Haien ein Fall von- Doppel- bildung bekannt, der sich den) geschilderten Modus nicht fügen würde')* Gerade darin, dass der letztere nicht allein hart an die Norm herantritt, sondern geradezu in derselben aufgeht, finde ich eine nicht zu unterschätzende Stütze der Richtigkeit desselben.
Wenden wir uns jetzt zur Analyse der oben beschriebenen Mehrfachbildungen des Hühnchens, so haben wir das Schema einer Dreifachbildung desselben auf jenem Stadium bereits kennen gelernt, in welchem die drei Primitivstreifen soeben angelegt wor- den sind. Diese drei Primitivstreifen sind aber, das ist fest im Auge zu behalten, nichts anderes, als vordere Embryonalan lagen des Hühnchens; und wie früher bei den Knochenfischen, bevor die vorhandenen Mehrfachbildungen zu erklären versucht wurden, die Ergänzung der vorderen zur totalen Embryonalanlage des nor- malen Zustandes geschildert worden war, so haben wir. jetzt auch beim Hühnchen zunächst die Ergänzung der vorderen Embryonal- anlage zur totalen des normalen Zustandes zu verfolgen.
Auch beim Hühnchen ist es der Keim ring, welcher das Material zur mittleren und hinteren Embryonalanlage liefert Der wesentliche Unterschied ist, wie schon früher angedeutet worden, der, dass nicht der totale, sondern nur ein Theil des Keimrings diese Leistung zu übernehmen hat. Während bei dem Hecht, der Forelle, der Keimring in seiner Totalität embryoplastisch auftritt, so ist derselbe beim Hühnchen nur partiell embryoplastiscb, während sein weitaus grösserer Theil, zusammenhängend mit der GrOsse der zu umwachsenden Dotterkugel, eben diese Umwachsung zu voll-
*) Herr Jacob i allein glaabt eine Darchkreiuang der WirbdalnleD beim Lacba geaeben zu babeo. leb verweiae io dieaar Beaiebaog auf aeine im Anbaog dieser Abbaadlaog enthalteoe AeoaaeruDg. Ein Aoadidymoa mit gleichzeitiger Verdoppelong des Schwanzes konnte, wenn die beiden Schwanz- theile ditergirten, sehr leicht eine Dorohkrenzong der Wirbelsiolen Torge- tinscht haben.
Eine Widerlegnng der von ihm aelbat ganz anbaattmmt gtbaltaoao An- gabe dürfte weiterhin nicht geboten erseheinen * so sehr ich ias Debrigra seinen Bericht zo schätzen Terstehe.
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ziehen bat und sich zum Unterschiede vom embryoplastischen Tbeile dadurch als einfach epibolischer Tbeil geltend macht, ohne dass die Homologie im EntwickelungSplan dadurch eine Einbusse erlitte. Auch bei den Haien ist, wie wir wissen, der Keimring nur partiell embryoplastisch. Der Primitivstreifen des Hüt^nchens enthält in seiner anfänglichen Gestalt nur die (andeutungsweise, noch nicht abgegrenzte) Anlage des Kopfes und Oberhalses des Hühnchens; der Qbrige Rumpf wird vom Keimring gebildet ')•
Die Betheiligung des Keimrings an der mittleren und hinteren Embryonalanlage des Hühnchens wird am einfachsten ersehen dar- aus, dass aus ihm auf&nglich ein kleines Stück, nach und nach aber immer neue Stücke herUbergenommen werden in die anfSng- iieb rundliche Area lucida, das Mittelfeld des HUhnerkeims. Dieses dem Gebiet der ursprünglichen (primären) Area lucida in der Rich- (uDg der Längsaxe des Primitivstreifens von hinten her zugefügte, aus dem Keimring entnommene Gebiet, das Secundärgebiet der Area lucida, hat nach und nach etwa dieselbe Ausdehnung *genom- men, wie das PrimSrgebiet; so ist aus der rundlichen die Sanduhr-, Bisquitform der Area lucida hervorgegangen. Eingehend mit dieser Verlängerung der Area lucida durch Uebernahme und Umwandlung neuer Strecken verlängert sich auch der Primitivstreifen durch Uebernahme neuer Strecken; dem Mittelfeldtheil fügt sich der Keim- riogtbeil desselben an und lässt sieb selbst die doppelseitige Sym- metrie dieses secundären Abschnittes des Primitivstreifens leicht
*) Es sei ao dieser Stelle eioe Bemerkong über den normaleD Primitif- 9t reifen gestattet. Bekanntlicb bestehen noch Differenzen Ober die Ablei- tong des PrimitiTstreifens aus den Kelmbllttern. In der Frage, ob derselbe allein fon der primSren unteren Keimscbicbt abzuleiten sei oder theilwelse aodi vom Ectoderm, würde es gelingen ein VersUndniss lierznstellen , wenn man znlasst, der Primititstreif der Area Ineida sei bereits lusaoimengetretener Keimringtheily die Primitirrione zusammengetreteoe Keimpforte.
Dieser Primitivstreifen verdankt seine Entstehung der ontaren Keimschicht. Secundlr erfolgt eine innige Verbindung des Ectoderm mit diesem Primitiv- streifen. Sollte in der Tbat vom Ectoderm aus eine secondflre Einwucberung In den PrimUivatreifen stattfinden, so wfirde dieselbe, mag sie nur die Chorda oder mehr erzengeo, mit der Annahme jenes Principes in Wirklichkeit als vom Keimraod ausgebend aofzufttsen sein, wodurch gewisse Sehwierig- k«ten sich losen, da der Primitivstrelf als Hesodermanlage alsdann auf eine und dieselbe Quelle seines Biateriales hinweist, auf den Keimriog selbflt.
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erkennen. Während weiterhin der Primitivstreifen anfänglich an den Kefmring anstösst und in ihn übergebt, gelaugt er schliesslich mit seinem hinteren Ende ganz in das Secundärgebiet der Area lucida hinein; er löst sich von dem Keimring damit los, wie man sagen kann, ohne dass man dabei natürlich wieder an eine Conti- nuitätsunterbrechuTig der Keimblätler denken darf.
Dies sind die kurz zu berührenden Unterschiede gegenüber den Verhältnissen bei den Knochenfischen und stehen zwischen diesen und den Vögeln die Haie in der Mitte, wie ich dies an auderer Stelle ausgeführt habe. Hervorzuheben ist hiernach zwischen Hühn- chen und Knochenfisch einmal der Unterschied der Raumverhältnisse der Eier und hiermit im Zusammenhange der Unterschied in der BetheUigung des Keimrings. Nur wenige Bogengrade des ganzen Keimringumfangs betheiligen sich beim Aufbau des Hühnchens em- bryoplastisch, während bei den genannten Knochenfischen der ganze Umfang embryoplastisch ist. Beim Hühnchen tritt darum die Ueber- nahme neuer Bezirke aus dem Keimring deutlicher in der Radiär- richtung, entsprechend der Längsaxe des anfänglichen Primiüv- streifens zu Tage.
Versuchen wir, nachdem dies Bild aus der normalen Entwicke- lung vorausgeschickt ist, die Ergänzung der vorderen Embryonal- anlagen einer D re i fach bil düng, wie sie uns im Holzschnitt 2 entgegentritt, zu den totalen Embryonalanlagen. Es wird nichts leichter scheinen. Wir fügen zunächst aus dem stdrk in die Fläche gewachsenen Keimring der einfachen und primären Area lucida die drei Secundärgebiete an. Das erste, was uns damit gegeben wird, ist eine dreigelappte Area lucida. Aber auch die drei Pri- mitivstreifen haben sich verlängert, desgleichen die PrimiUvrinnen; die Medullarplatten fangen an sich zu erbeben und zu verschliessen, Urwirbel gelangen zur Ausbildung. Sind die 3 Anlagen nur ge- nügend von einander entfernt, die Raumverhältnisse also günstig, so werden alle 3 Embryonen ungestört sich fortentwickeln. Für die Amnionbildung um die sich einander zusehenden Köpfe wird freilich kaum Material vorhanden sein; aber um die Hinterenden werden die Schwanzscheiden sich zu bilden beginnen. Und be- trachten wir nunmehr die auf Taf. XVI Fig. 13 gezeichnete Dreifach- bildung des Hühnchens, welche von Dareste beobachtet worden ist, so wird nichts an der Uebereinstimmung fehlen.
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Wollten wir in der That diese Dreifachbilduug von Dareste auf die Stufe det Primitivstreifen zurückführen, so würde der soeben gemachte Weg einfach zurückzugehen sein. Ebensowenig bestehen Schwierigkeiten, von der Stufe der Primitivstreifen zurück- zugehen auf deren Vorläufer, auf die randständigen Lunulae der Area lucida.
Was den zweiten Tripelembryo von Dareste betrifit (s. Taf.XVI Fig. 14), so muss ich Bedenken tragen, denselben von 2 Reim- scheiben abzuleiten. Der lineare dunklere Streifen, den Dareste als Vereinigungslinie zweier Keimhäute deutet, kann auch anders erklärt werden und muss dies um so mehr, als nicht die ganze Keimscheibe in der genannten Figur vorhanden ist, sondern nur ein TheiT derselben. Mögen nun Fältchen diese Erscheinung zu Tage bringen, die Terminalvene, Jheile des übrigen mittleren oder unteren Keimblattes, das lässt sich ohne genauere Untersuchung Dicht feststellen; Alles dieses aber scheint mir leichter die Ursache jener Linie sein zu können, als eine Naht zwischen zwei Keim- häuten. Im Uebrigen stimmt die Lage der Axen und die Richtung der Embryonen mit dem vorhergehenden Falle überein und zeigt nur der Kopftheil des stärkeren der 3 Embryonen eine geringe Ablenkung aus der radiären Richtung. Wichtiger dagegen würde sein, dass die Area lucida des einen Embryo gesondert ist, und muss ich dies Verhältniss auf sich beruhen lassen, wenn nicht etwa eine secundäre Sonderung durch Verdickung des mittleren oder unteren Blattes hier stattgefunden hat. Doch wenn selbst eine Verwachsung zweier Reimscheiben stattgefunden hätte, eine An- nahme, zu der ich mich vor weiteren Untersuchungen nimmer entschliessen kann, so würde hiermit nichts gegen den von mir in den Vordergrund gestellten Typus entschieden sein, es würde neben dem einen Typus höchst selten (Dareste selbst hebt diese grosse Seltenheit ausdrücklich hervor) ein zweiter Typus sich geltend machen.
Eine gewisse Schwierigkeit bieten dagegen für jetzt noch die- jenigen Fälle von Doppelbildung des Hühnchens, in welchen die Vorderkörper doppelt, die Hinterkörper dagegen einfach sind. Diese Form gehört bekanntlich zu den seltenen, während die häufi- gere Form diejenige ist, dass die Trennung durchgeht, die Köpfe einander nahe liegen, die Hinterleiber sich von einander entfernen.
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Auf die Piille dieser Art und ihre ErklHrbarkeit habe ich bereits in meiner früheren Abhandlung hingewiesen, heryorhebend , dass das bei den Knochenfischen so auffallend zur Erscheinung gelangende conjunclive Moment in der normalen und pathologischen Ent- Wickelung der mittleren und theilweise der hinteren Cmbryonal- anlagen sich wohl auch bei der Entwickelung derselben Leibes- strecken der Vögel geltend machen werde. Bei einer Einfachbildung des Hühnchens weniger in die Augen fallend, wiewohl vorhanden, würde im Fall von Doppelbildung, und zwar unter der Voraus- setzung einer gewissen Naheläge beider radiär eingestellten Primitiv- streifen, diese Gonjunction durch Näherung der hinteren Enden der Primitivstreifen während der Entwickelung scheinbar plötzlich mit sehr bedeutendem Erfolge hervortreten können. Ohne dass also die anfängliche Lage beider Primitivstreifen von ihrer, dem ra- diären Typus folgenden Einstellung abweichend gewesen wäre, würde damit eine allmählich sich verstärkende Axenänderung zur Erscheinung gelangen; zwei anfänglich schwach nach hinten diver- girende Primilivstreifen würden dadurch eine nach hinten gehende Convergenz erhalten. Dass in der That ein conjunctives Moment zwischen zwei radiär, typisch eingestellten Primitivstreifen an ihreu Reimringtheilen stattfinde, zeigen mehrere Fälle von Doppelbildung des Hühnchens, in welchen der Divergenzwinkel (mit hinterer Oeff- nung) etwas grösser ist, als wir ihn vorhin für den Fall grösserer Nähelage beider Primitivstreifen verwendeten, bei welcher der Diver- genzwinkel ein sehr spitzer war. In allen jenen, der Beobachtung vorliegenden Fällen eines bis zu etwa 45^ steigenden Divergenz- winkels der embryonalen Axen erkennen wir das conjunctive Mo- ment an dem medianwärts gebogenen Verlauf der Axen, d. h. an jener Biegung der beiden Axen, die ihre Gonvexitäten einander zu- kehren, während die hintersten Enden mehr oder weniger stark divergiren, da ihre durch die anfängliche Einstellung gegebene Di- vergenz allzugross war, als dass sie hätte beseitigt werden können. Eine der Parallelität sich nähernde ursprüngliche Divergenzlage zweier frühester Primitivstreifen würde dagegen in eine hintere Gonvergenzlage ihrer Reimringfortsetzungen durch das in Rechnung gebrachte conjunctive Moment wohl übergeführt werden können.
Hierbei ist noch ein Anderes zu berücksichtigen. Es ist leicht denkbar und würde den bei den Knochenfischen bestehenden Ver-
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bäUnisMD ganz entsprechen, dass, wenn zwei anfSngliche, oder besser vordere Primitivstreifen sieb einander so nahe liegen, dass ^ie sich gegenseitig stören oder theilweise in einander fliessen, dass sie alsdann schon anränglich nach vorne -divergiren; denn die ^orderen Primitivstreifen entsprechen den vorderen Embryonalan- lagen der Knochenfische.
Auf diese Weise wQrden solche Fälle zur Entwickelung ge- bracht werden können, wie der Taf. XVI Fig. 15 wiedergegebene und ahnliche mit vorderem Divergenzwinkel, z. B. eine d6r früher von Reichert beschriebenen Doppelbildungen. Weiterbin ist an die Möglichkeit zu erinnern, dass zwar zwei vordere Embryonal- anlagen mit schwacher vorderer oder hinterer Divergenz zur weite- ren Ausbildung gelangen, nicht aber auch die beiden mittleren und hinteren, sondern nur eine zusammengehörige mittlere und hintere Embryonalanlage, während die andere atrophirte. Auch so wQrden 2 Köpfe und ein Rumpf zur Entstehung kommen. Doch gebe ich zu, dass hieröber und Oberhaupt die Anadidymi des llQhncbens noch weitere Beobachtungen frühester Stufen nöthig sind.
Umgekehrt könnte von zwei vorderen Embryonalanlagen und ihren hinteren Fortsetzungen auf dem Keimriug nur eine vordere Anlage sich weiter entwickeln, die andere nicht zur Ausbildung gelangen, wShrend die beiden Rumpfanlagen zur Ausbildung ge- langen. Das Ergebniss wäre ein Kopf mit doppeltem Rumpfe, während verschmolzene Köpfe begreiflicherweise die häufigsten Fälle beim Hühnchen bilden und bilden müssen.
Dieser Fall führt uns wieder zu der Anordnung der Anlagen mit hinterer Axendivergenz zurück, der gewöhnlichen Form der Mehrfachbildungen der Vögel. Dass dieser Divergenzwinkel bis zu 180® steigen könne, d. b. bis zur Einstellung der Embryonalanlagen auf eine Gerade, oder vielmehr einen Meridian, ist bekannt und nach dem bis jetzt vorliegenden Material sogar der häuägere, mit Vorliebe gewählte. Es bedarf kaum einer Erinnerung daran, dass diese Anordnung genau dieselbe ist, wie wir sie als die erste Stufe der Gastrodldymi der Lachse kennen gelernt haben. Der Erfolg ist freilich nicht immer derselbe, der bei weiterer Ausbildtiug sich ergiebt, und die so ganz anderen Grössenverhältnisse geben sogar der anfänglichen Anlage ein ganz anderes Aussehen. Der Erfolg kann aber derselbe sein auch beim Hühnchen, wenn nur die
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Köpfe genügenden Raum zur Entwickelung haben, ohne sich gegen- seitig zu stören. Man yergleiche das dieses Verhäitniss vergegen- wärtigende Schema (Taf. XVI Fig. 1 7), das keiner weiteren Erläuterung
bedarf.
Sind aber, bei demselben Divergenzwinkel von 180^ die Kopf- anlagen in gefährliche gegenseitige Nähe gerückt, so kann allein nach dem Grade derselben sehr Verschiedenes erfolgen, auf das ich schon bei anderer Gelegenheit hingewiesen habe und hier um so weniger besprechen will, als nur das neue Material für jetzt zu analysiren war.
Dagegen ist die verschiedene Form der Area lucida des Hühnchens noch einer kurzen Betrachtung zu unterziehen. Bei gewissen Lagerungen der Embryonen einer Mehrfachbildung des Hühnchens ist eine Kreuzform der Area lucida beschrieben wor- den ; bei anderen zeigte sie sich herzförmig , oder in zwei Lappen ausgezogen, oder kleeblattförmig. Wie schon vorher die Kleeblatt- form auf ihr Zustandekommen untersucht worden ist, so ist es auf gleicher Grundlage nicht schwer, auch die übrigen Formen ab* zuleiten. Ueberall ist es das Secundärgebiet der Area lucida, welches je nach der Zahl der Componenten der Mehrfachbildung und nach ihrer Lagerung, in Folge seiner Abhängigkeit von jenen durch seine Anfügung an das Primärgebiet die verschiedenen beob- achteten Formen bedingt.
Durch die Anfügung dreier Secundärgebiete an die einfache Area lucida einer Dreifachbildung sahen wir oben die dreigelappte Form hervorgehen (s. Taf. XVI Fig. 13).
Setzen wir den Fall, dass die beiden Componenten einer Dop- pelbildung in einem hinteren Divergenzwinkel von 180® gelagert, also einander gegenübergestellt sind, fügen wir das zungenförmige Feld des Secundärgebietes je an die ihm zukommende Stelle der primären rundlichen Area lucida, so erbalten wir die bekannte und häufige Kreuzform derselben (s. Taf. XVI Fig. 19). Der lange Arm des Kreuzes liegt in der Längsaxe der beiden embryonalen Leiber. Der kurze und stumpfe Arm dagegen ist nichts Anderes als die fast unveränderten Seitenränder der primären Area lucida selbst. Es versteht sich von selbst, dass der lange Arm nur ganz allmäh- lich seine Länge erreichen und dass demzufolge das Verhältniss der Armpaare ein verschiedenes sein wird, entsprechend den Enl- wickelungsstadien.
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Stehen die beiden Componenteo dagegen in einem Winkel von etwa 90^, wie in einem der Reich ert'scben Fälle (dieses Archiv Bd. 71, Tafel VI, Fig. 14), so sind, uni die zugehörige Form der Area lucida zu erhalten, die beiden Secundärgebiete in der Weise der primären Area hinzuzufügen, dass die Längsaxen der Secundär- gebiete 90^ von einander abstehen. Man erhält alsdann eine drei- eckige, in die Herzform übergehende Gestalt der Area hicida, wie m dem angegebenen Falle. —
Nachdem hiermit das für die Analyse unserer Mehrfachbildun- gen des Hühnchens Bemerkenswerthe , insoweit es frühe Stadien betriflft, mitgetheilt worden ist, möchte ich nicht unterlassen, auf ein Schema hinzuweisen, welches das Aussehen zweier in schwachen hinteren Divergenzwinkel gestellter Primitivstreifen eines Doppel- hübnchens von etwa 12 stündiger Bebrütung versinnlicht.
Auf Taf. XVI, Fig. 16 bemerken wir die mit dem Keimring in Verbindung stehenden Primitivstreifen, mit ihrem hinteren (periphe- riscben) Theile auf den Keimring übergreffend, die Rand- oder Ringplatte dieses Stadiums darstellend. Die Area lucida ist noch rund, entbehrt noch der Secundärgebiete. Von Kopffortsätzen (Kölliker) der Primitivstreifen sind nur erst Spuren vorhanden. Nach hinten aber sehen wir die beiden Primitivstreifen sich ansehn- lich verbreitern zu den Ringplatten und es ist klar, dass, sowie die Annäherung eine noch etwas stärkere gewesen wäre, die beiden Ringplatten in directen Substanzzusammenhang gerathen sein wür- den. Aus diesen Ringplatten, die nach dem Früheren mehr und mehr an radiärer Ausdehnung gewinnen, entsteht (vom Mittel- balse ab) der Rumpf der beiden Gomponenten. Mit Absiebt wurde ein Divergenzwinkel gewählt, bei welchem die Ringplatten der Pri- mitivstrejfen gerade noch getrennt sind. Wären sie aber verbunden, was würde der Erfolg sein?
Von Amphibien ist seit meiner ersten Mittheilung ein neuer Fall von Doppelbildung in der Literatur nicht bekannt geworden. Die von Braun beschriebene Doppelbildung von Salamandra tnaculata findet sich abgebildet in meinem I.Beitrag, Tafel VI, Fig. 12. Sie entspricht den oben geschilderten Gastrodidymis des Lachses und des Hühnchens« Ihre Zurückfllhrung auf ein früheres Stadium, auf das Stadium der noch ofienen Rusconi 'sehen Pforte und damit auf das Schema der Doppelbildungen selbst ist zu ein-
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fach, als dass ich es im Einzelnen versuchen sollte. Es kann hier zur Erläuterung die Fig. 4 auf Tafel XIV gewählt werden, die schon die Entstehung der Gastrodidymi der Lachse versinnlichte.
Das Verbältniss der Analentwickelung zur Keimpforte wird an besonderer Stelle zusammenfassend zu betrachten sein. Ebenso bedarf einer besonderen Betrachtung gerade derjenige Theil der Mehrfachbildungen, auf dessen Vorhandensein (ein negatives Vor- handensein) die Existenz einer Mehrfachbildung Oberhaupt beruht und dessen bestimmte Würdigung die Erkenntniss des Wesens der Mehrfachbildungen in hohem Grade zu fördern vermag.
Schon diese beiden Aufgaben werden zweckmässig in einer die Mehrfachbildungen aller Klassen zusammenfassenden Form behan- delt, welche die Unterschiede und Berührungspunkte zwischen den einzelnen Klassen hervorhebt und übersichtlich ordnet.
Nachdem aber die speciellen Ergebnisse unserer Untersuchung im Vorausgehenden dargestellt sind, wird es sich weiterhin darum handeln, die allgemeinen Schlussfolgerungen aus jenen Ergebnissen zu ziehen. t
Letztere betreffen an erster Stelle das Verbältniss der Ring- form der normalen ursprünglichen Wirbelthieranlage zum Radiär- typus der Mehrfachbildungen. Es ist mit anderen Worten die mor- phologische Stellung der Mehrfachbildungen im Haushalt der Natur, deren Wesen zu untersuchen sein wird. Hiermit im Zusammenhang ist die Frage in das Auge zu fassen, .ob Mehrfachbildungen durch Theilung oder Verwachsung hervorgehen; dies führt wieder zur Frage der entwickelungsgeschichtlichen Eintheilung derselben. Diese ist vielfach eine andere, als die von practischen Gesichtspunkten ausgebende. Die letztere pflegt zwar nicht auf eine einzige Klasse sich zu beschränken, aber sie rechnet nach den Erfolgen, nicht nach den Anlagen, und musste es des practischen Bedürfnisses wegen thun. Aber es können hier gerade entgegengesetzte Dinge in Eins zusammengeworfen werden und so war die Ausdehnung der practisch anatomischen Eintheilung auf alle Wirbeltbierklassen von der Gefahr begleitet, die wissenschaftliche Eintheilung zu schädigen. So ist, um ein Beispiel zu gebrauchen, vordere Ver- doppelung bei den Knochenfischen, totale Verdoppelung mit vor- derer Verwachsung bei den Vögeln die Regel und beide scheinen dem Erfolge nach gerechnet höclist verschiedene Bildungen. Ent-
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wickelungsgeschichtlich betrachtet aber sind sie nach dem Voraus- gehenden eine und dieselbe Bildung. Der verschiedene Erfolg ist einfach bedingt durch die Verschiedenheit der räumlichen Bedin- gungen und die Verschiedenheit der Betheiligung des Keimrings am Aufbau der totalen Embryonalanlage, bei im Uebrigen wesentlicher Homologie. Genaueres über natürliche Elntheilung soll indessen erst späterhin gegeben werden.
Und wenn alsdann die Stellung der Mehrfachbildungen unter- sucht sein wird, wird die Möglichkeit einer künstlichen Erzeugung derselben Gegenstand der Besprechung sein.
Selbst wenn wir die Änadidymi der Vögel noch weiterer Untersuchung bedürftig erklärt haben, soviel dürfte schon jetzt klar geworden sein, dass es sich um bedeutsame Uebereinstimmungen zwischen den Entwickelnngs- und Erscheinungsformen der Mehr- fachbildungen der unteren Wirbelthierklassen handelt, welche mit Absicht allein der Untersuchung vorgelegen haben, dass es sich ebenso mit höchster Wahrscheinlichkeit nur um eine einzige Grund- form handle, welche die Norm wiederholt und in deren Modificationen alle Verschiedenheit der ersten Anlage und späteren Ausbildung ent- halten sei.
V. Aligemeine Betrachtungen.
1. Keimpforte und Anns.
Bei der grossen Mehrzahl der Eingeweidethierc, Wirbelthiere und Wirbeilosen, vollzieht sich, wie wir wissen und gegenwärtig allgemein zugegeben werden muss, die Bildung einer zweiblätterigen Reimblase durch Einstülpung (Invagination) einer einblätterigen Blase. Die Einstülpungsöfifnung (Urmund Haeckel, Blastoporus Ray Lankester), beim Frosche Jedem als Rusconi'sche Pforte bekannt, verhält sich aber bei den verschiedenen Thieren, auch bei den Wirbelthieren, in verschiedener Weise.. Das eine Mal hat sie eine sehr wichtige organologische Bedeutung bei der Entwickelung des Embryo, das andere Mal entbehrt sie einer solchen völlig oder ist wenigstens ihre Betbeiligung eine verschiedenartige.
Gerade dieser Wechsel der Verwendung einer auf den ersten Anblick so auffälligen Oefifnung wie die Keimpforte hat in neuester Zeit Ray Lankester') dazu geführt, in derselben nichts weiter
I) Qaarterlj Joaraal 1877. Notes od tbe Embryologie aod Glassificatioo of
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ZU erblicken, als eine für die Bildung einer zweiblätterigen Blase durch Invagination einer einblätterigen nothwendige, aber vorüber- gehende Erscheinung, die je nach Umständen bei der weiteren Ent- wickelung des Embryo wieder benutzt, odor nicht benutzt, oder zu verschiedenen Zwecken benutzt werden könne; es sei ihr nur eine secundäre Bedeutung beizumessen.
Das Schicksal der Keimpforte« bei weiterer Entwickelung ist nun auch für das Verständniss der Entwickelung der Mehrfach- bildungen von ausnehmendem Interesse, wie schon aus dem Bisherigen ohne Weiteres . erhellen dürfte. Ist die Reimpforte doch zugleich der Centralpunkt, um welchen herum die Axen der ver- schiedenen Gomponenten einer Mehrfachbildung sich gruppiren.
Es ist darum geboten, die Keimpforte und ihre Sctiicksale bei den verschiedenen Wirbelthieren etwas genauer zu untersuchen.
Bei welchem Wirbelthiere wir sie auch betrachten, überall ge- langt sie, wenn auch bei einigen Gruppen nur vorübergehend, zu einer gewissen Entwickelungszeit zur Verschüessung. Diese Verschlussstelle, sowie die sie umgrenzenden Substanzränder ver- balten sich zur Entwickelung der „totalen Embryonalanlage'' bei verschiedenen Wirbelthieren in der That in sehr abweichender Weise. Und man wäre wirklich genötbigt, die Keimpforte bei den Wirbelthieren im Sinne Ray-Lankester's als eine nur (Ur die Invagination, nicht aber für die Weiterentwickelung des Embryo nothwendige Erscheinung zu betrachten, wenn man mit jenem Forscher den letzten Rest der Keimpforte als gleichwerthig mit der ursprünglichen Keimpforte betrachten wollte. Sowie man aber eine Unterscheidung zwischen diesen beiden Stadien macht, und es wäre verfehlt, sie nicht zu machen, so beginnt ein wesent- licher Theil der bestehenden Schwierigkeiten nicht allein hinsichtlich der Leistungen der Keimpforte bei den Wirbelthieren, sondern selbst hinsichtlich der Wirbellosen zu verschwinden.
Ich schlage darum vor, beide Stadien der Keimpforte auch mit verschiedenen Bezeichnungen auseinanderzuhalten. Die ur- sprüngliche Keimpforte nenne ich im Anschluss an die Bezeichnungs- weise von Haeckel das Blastostoma; für den letzten Rest
ll« Aatttftl Kragdom; coapritisg a Reftsion of Specalatioos reiaCNe to ihe Or%in •»<! SHKiiitlealioD of (be (^erm-Layers. $ 5, Coiocideoce of tJie ^U»topor« «kitb Ihe in<Nil)i aod with Ihe anas.
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der Keimpforte gebrauche ich dagegen das Deminutiv jenes Aus- drucks, Blastostomion, das Keimpförtchen. Die bei den ver- schiedenen Wirbelthieren hervortretenden Erscheinungen lassen sich nun auf folgende Weise ordnen und will ich hier mit dem Hühn- chen beginnen, im Allgemeinen aber zuvor noch bemerken, dass die Reimpforte der verschiedenen Wirbelthiere ganz in dem- selben VerhHltniss zur totalen Embryonalanlage steht und in demselben Verhältniss an dem Aufbau derselben sich betheiligt wie der Keim ring. Der Keimring, in Verbin- dung mit der vorderen Embryonalanlage gedacht, liefert die Pri- iniüvstreifen; der materielle Ausdruck der Betheiligung der Keim- pforte sind die Primitivrinnen '). Keimring und Keimpforte müssen jedoch nicht nothwendig bei allen Wirbelthieren in ihrer Totalität in die Embryonalanlage aufgehen, wie schon oben auseinander- gesetzt und wovon die wesentliche Ursache darin gefunden wurde, dass so bedeutende Grössenverschiedenheiten der Dotterkugel vor- liegen. Ich unterscheide also in der normalen Entwickelung fol- gendermaassen:
a) Beim Hühnchen schliesst sich das Keimpförtchen bekannt- lich erst am vierten zum fünften Bebrütungstage; es liegt dem Embryo entgegengesetzt, am ventralen Eipol. Der Anus des Hühn- chens entwickelt sich demgemäss sehr weit entfernt vom Keimpfört- chen und zwar weit vor dem letzteren. Die Analbildung ist hier, um die oben erwähnte Bezeichnungsweise zu benutzen, eine prä- stomiale. Eine Schilderung der speciellen Verhältnisse jener prästomialen Analbildung ist nicht nothwendig, es ist bekannt, dass eine äussere Einstülpung, die Bursa Fabricii, dem Gloakenblindsack des Hinterdarms entgegenkommt und dass hier etwa am 15. Tage der Bebrütung, 6 Tage vor dem Ausschlüpfen also, der Durchbruch erfolgt, mit welchem der Darm seine hintere Oefifnuug erhält.
Eine prästomiale Analbildung besitzen weiterhin auch die Reptilien und Haie, wie schon aus ihrer grossen Ucbereinstim- mung mit der Entwickelung des Hühnchens zu erwarten war.
b) Bei der Unke, einem Batrachier also, verhält sich das Keimpf5rtchen ganz anders. Hier bezeichnet, wie Goelte') ge-
') Man fergleiehe Uerflber (»PrimitiTttreifeD ood Neorola d«r Wlrbalthiere*,
Abflcbnttt: B«deatoDg d«r PrirnUiistreifeD ond PrimitifrioneD. >} Entwickeloogigetcbidite der Uoko. S. 173. Fig. 35^40.
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zeigt hat, die Rusconl'scbe Pforte, obwohl sie sich vorher voll- ständig verschliesst, die Stelle des analen Durchbruchs. Nach un- serer Anschauungsweise ist dies jedoch keineswegs von der ur- sprünglichen R u SCO ni 'sehen Pforte zu behaupten, sondern nur von ihrem letzten Rest, wie es in der That Goette selbst auffasst. Die Analbildung ist bei der Unke und vielleicht allen Batrachiern demgemäss nicht eine stomale, sondern blos eine stomiale; ebenso bei den Gyclostomen nach den übereinstimmenden Beob- achtungen von M. Schnitze, Owsjannikow, Galberla.
c) Was die Knochenfische betrifift, so unterliegt die Unter- suchung der bezüglichen Verhältnisse nicht unbedeutenden Schwierig- keiten. Bei Spinachia z. B. ist, wie Goste abbildet, die Anal- bildung eine stomiale.
Bei der Forelle scheint bei. genauester äusserer Besichtigung das Blastostomion von den MedullarwUlsten umfasst und in das Bereich des Rückenmarkes gezogen zu werden. Aber auch bei der Unke und dem Frosch erscheint bei äusserer Besichtigung das Blastostomion umsäumt von den in einander übergehenden Medullar- platlen und Rückenwülsten, und dennoch bezeichnet der untere Theil des Blastostomion hier die Stelle der Analbildung, während der obere Theil die berühmt gewordene Gommunication des Me- dullarrobrs mit dem Darmrohr herstellen hilft. Und wie bei der Unke dorsalwärts vom Blastotomion der Schwanz nach hinten zu wachsen beginnt, so dass jenes von der hinteren ROrperwand all- mählich auf die untere Rbrperwand gelangt, so könnten vielleicht bei der Forelle homologe Verhältnisse vorliegen, die nur in mehr verdeckter Weise ablaufen und sich der Beobachtung leichter ent- ziehen. Das auf dem Rücken sich« verschliessende Reimpförtchen könnte durch die folgende Schwanzentwickelung, die vor der Schlussstelle ihren Ausgangspunkt nimmt, zunächst nach hinten und schliesslich ventralwärts gedrängt werden. Einige diesen Vorgang betreffende Präparate, die ich besitze, widersprechen wenigstens nicht diesem Modus.
Sollte es sich jedoch bei fernerer Untersuchung dieser Gegend herausstellen, dass in der That das Reimpförtchen dem Hedullar- robr vollständig zugetheilt bleibt, so bliebe nichts anderes übrig, als statt einer stomialen eine retrostomiale Analbfldung, d. h. einen ventralwärts des Reimpförtchens befindlichen Anus, als einen
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dritten zu unterscheidenden Modus, bei Knochenfischen anzu- nehmen.
Ina Debrigeo ist es gerade bei den Knochenfischen, in anderer Art auch beim Hühnchen am auffallendsten« wie sehr man Ursache habe, nicht einfach von einem Blastoporus zu sprechen und schliess- lich damit einen kleinen Theil dem Ganzen gleich zu setzen, sondern zwischen Blastostom und Blastostomion streng zu unter- scheiden.
Die Rolle, welche der gesammten Keimpforte und dem Keim- pfortchen bei Mebrfacbbildungen zukommt, ist bei dem be- kannten VerhSltniss der letzteren zur Norm begreiflicher Weise be- deutend und richtet sich bezüglich des Modus im einzelnen Falle ganz nach der normalen Leistung. Bei prfistomialer Analbildung (Hühnchen, Reptilien, Haie) kommt das Blastostomion, wie in der Norm, so für die Componenten der Mehrfachbildung, nicht in Be- tracht, wohl aber das Blastostom selbst. Jenseits der Schwanz- und Analgegend gelangt das Blastostomion zum Verschluss und bleibt unverwendet, vielmehr nur für den Dottersack verwendet.
Bei stomialer Analbildung dagegen (Batrachier, Gyclostomen, Knochenfische, insofern bei letzteren stomiale und nicht retro- stomiale Analbildung statt hat) bildet das Blastostomion das Centrum, um welches herum die Schwanztheile der Componenten der Mehr- facfabildung nach hinten hervorzusprossen beginnen und mit ihrer VergrSsserung ^en kleinen Krater bügeiförmig überragen. Erhält in allen diesen FSllen jeder Component seinen Anus oder ist er gemeinschaftlich? Bei der oben beschriebenen Forellendoppelbil- dung ist nur ein einziger Anus vorhanden. Doch ist es denkbar, das8 auch bei der Forelle Doppelbildungen vorkommen können, von welchen jedem Component ein Anus zukommt: wenn nebm- licb das stomiale Gebiet eine etwas grössere Ausdehnung gewinnt und eine Theilung desselben auf die verschiedenen Componenten statt hat. Bei den Lachsen haben die beschriebenen Gastrodidymi je einen Anns für jeden Componenten gezeigt; über die bezüg- lichen Verhältnisse ist bereits das Nöthige oben erwähnt worden.
Fig. 12 Taf. XV Bd. 73 erläutert die geschilderten Beziehungen der Keimpforte zur Analbildung der unteren Wirbelthierklassen und bedarf es keiner weiteren Auseinandersetzung mehr, um dieselben verständlich zu machen.
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2. Das Stornngsfeld.
Man ist gewöhnt und es liegt ja auch am nächsten, bei der Untersuchung von Mehrfachbildungen vor Allem das an ihren Kör- pern Vorhandene, Gegebene, Positive, zu berücksichtigen, zu beschreiben und zu überdenken, nicht aber das an ihren Kör- pern Fehlende, Ausfallende, Negative. Denn es scheint sich ja von selbst zu verstehen, dass wenn man einmal wisse, was an einem solchen mehrfachen Körper an Organen und Organtheilen vorhanden sei, man eben damit auch wisse, was daran fehle. So hat man also die positive Seite des Gegenstandes naturgemäss in den Vordergrund gestellt und seine negative Seite vernachlässigt. Ich selbst habe im Vorausgehenden vollständig dieselbe, allgemein gültige Regel beobachtet. Wie merkwürdig in der That ist der Zusammenhang zwischen den Doppelkörpern (um bei diesen hier, als den einfacheren und da bei Dreifachbildungen zwischen dem dritten und den übrigen Componenten dieselbe Erscheinungsweise sich zeigt, wie zwischen dem zweiten und ersten, zu verbleiben); wie rein in der Regel die Linien und Flächen, mit welchen die Componenten untereinander zusammenhängen, wie seltsam oft die Gestalt der verschmolzenen Organe I
Die Ausarbeitung der Linien des Zusammenhanges der Com- ponenten, wie sie selbst schon bei der Oberflächenbetracbtung her- vortreten können, ist zumal bei Embryonen sehr oft von über- raschender Zierlichkeit und bis in das Feinste gehender Sauberkeit und Genauigkeit. So zeigt zumal die oben beschriebene Doppel- forelle bei der Betrachtung mit Vergrösserungen und auffallendem Lichte eine solche Vollendung der Symmetrie des Zusammenhanges, selbst in den zartesten Einzelheiten, dass das Bild an Zierlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt, wie dies auch schon in der Ab- bildung deutlich zu Tage tritt. So kommt also zu der Betrachtung des Gegebenen der Mehrfachbildungen noch die der Symmetrie des Zusammenhangs hinzu, um den Blick beim Positiven festzu- halten.
Nichtsdestoweniger lässt sich, wenn man aufrichtig sein will, nicht bestreiten, dass in Wirklichkeit nicht dasjenige eine Mebr- fachbildung interessant, ja zu dem mache, was sie ist, was an ihr vorhanden und ausgebildet ist, sondern das, was an ihr fehlt und
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nicht ausgebildet ist Denn wenn Dasjenige vorhaoden w8re was fehlt, so würden wir gar kein Monstram vor uns haben, sondern normale, vollkommene (monochoriale) Zwillinge.
So scheint es mir denn auch keineswegs unnQtz oder unbe- grQodet zu sein, nachdem im Vorausgehenden das Positive des Wesens der Mehrfachbildungen bis zu diesem Punkte untersucht worden ist, nunmehr auch das Fehlende, Nichtseiende in ihrer Existenz zum Gegenstande einer Erörterung zu machen. Auch hier sind zuerst die normalen Verhältnisse der Entwickelong zu beachten.
Das
Zellengebiet,
aus
dessen
Vergrösserung
und
Sonderung
ein
Embryo
seinen
Leib
aufzubauen
hat,
zerlegt
man
der
einfacheren
Darstellung
halber
seit
alter
Zeit
in
mehrere
Zonen,
welche